Das weiße Entchen | Ein Märchen aus Russland

Das weiße Entchen | Ein Märchen aus Russland


Es war einmal ein Fürst, der eine wunderschöne Frau zur Fürstin hatte. Kurz nach der Hochzeit jedoch musste er weit, weit fort. Die Fürstin weinte sehr, auch wenn sie wusste, dass man nicht sein ganzes Leben da sitzen und sich in den Armen liegen kann. Der Fürst jedoch wies sie an, in dem hohen Turm zu bleiben, in dem sie lebte, nicht auf der Suche nach Unterhaltung umher zu wandern, mit bösen Leuten zu verkehren oder böses Gerede anzuhören.

Die Fürstin versprach ihm, so zu handeln, wie er es ihr auftrug und so ritt der Fürst hinfort. Sie aber verschloss die Tür zu ihrem Zimmer und ging nicht mehr hinaus. Nach einer Zeit aber kam eine fremde Frau zu ihr, die wirkte ehrlich und nett und sprach: „Du langweilst dich doch in deinem Zimmer. Wenn du im Garten spazieren gehen würdest, würde dein Kopf freier und deine Sehnsucht gemildert.“ Erst weigerte sich die Fürstin eine ganze Weile herauszukommen, aber schließlich meinte sie:


„Spazieren gehen im Garten ist nichts unrechtes“ und so ging sie hinaus. Draußen floss Wasser klar wie Glas in einem Flüsschen und die fremde Frau sprach: „Es ist so heiß, die Sonne brennt hernieder. Komm, wir wollen im kühlen Wasser baden gehen.“

Zuerst sprach die Fürstin: „Nein, ich will nicht.“ Dann aber dachte sie: „Baden ist eigentlich auch nichts unrechtes“, zog ihre Kleider aus und stieg ins Wasser. Kaum aber war sie darin, da schlug die fremde Frau sie auf den Rücken und sprach:

„Fürstin, Fürstin schwimme fort
als weiße Ente von diesem Ort.“


Im gleichen Moment verwandelte sich die Fürstin in ein weißes Entchen und schwamm als solches im Flüsschen herum. Die fremde Frau, die eine Hexe war, zog die Fürstinnenkleider an, schmückte und putzte sich nach einem hohen Stand und wartete auf den Fürsten. Als die Glocken zu seiner Begrüßung läuteten und die Schlosshunde ihn mit ihrem Gebell begrüßten, lief sie, ihn zu empfangen. Sie fiel ihm um den Hals, küsste und betörte ihn. Voller Freude und geblendet von ihrer Kunst nahm er sie in die Arme und erkannte nicht, dass sie nicht die rechte Fürstin war.

Das weiße Entchen jedoch legte Eier und bekam drei Kinder von Menschengestalt, zwei große Jungen und einen kleinen. Sie wuchsen heran, gingen am Flüsschen spazieren, fingen Fischlein, sammelten Lumpen und nähten sich daraus Röckchen für sich. Sie liefen kreuz und quer am Ufer herum, dass es eine Freude war.

„Geht nicht weg, Kinder“ sprach da die Mutter, aber die Buben gehorchten nicht. Sie spielten auf der Wiese, sie sprangen über Stock und Stein und entfernten sich immer weiter vom Flüsschen, bis sie zum Schloss des Fürsten kamen. Die Hexe wusste sogleich, wessen Kinder dies waren und knirschte vor Ärger mit den Zähnen. Mit gespielter Freundlichkeit rief sie die Jungen zu sich, reichte ihnen Speis und Trank und wies ihnen danach ein weiches Bett zum schlafen an. Dann befahl sie, dass ein Feuer gemacht und ein Kessel darüber gehängt werden solle und ließ scharfe Messer wetzen. Die beiden größeren Buben schliefen schon, aber der kleinste, den der älteste vorne in sein Hemd gesteckt hatte, damit er nicht krank wurde, war noch wach und sah voller Furcht, was rings um ihn geschah.

Mitten in der Nacht ging die Hexe zur Tür des Schlafraums und sprach:
„Schlaft ihr, liebe Kinderlein?
Schlaft ihr schon gar hübsch und fein?“
Der kleine Junge antwortete:
„Wir schlafen nicht, wir schlafen nicht,
die Angst steht uns tief im Gesicht,
man will uns schlachten drauß´ im Licht
Das Wasser ist aufgesetzt
Die Messer sind gewetzt!“

„Sie schlafen noch nicht“ dachte die Hexe und ging eine Weile fort, um später in der Nacht wieder zu kommen. Nach ihrer Rückkehr fragte sie wieder:

„Schlaft ihr, liebe Kinderlein?
Schlaft ihr schon gar hübsch und fein?“
Der kleine Junge antwortete:
„Wir schlafen nicht, wir schlafen nicht,
die Angst steht uns tief im Gesicht,
man will uns schlachten drauß´ im Licht
Das Wasser ist aufgesetzt
Die Messer sind gewetzt!“

„Das ist wieder die gleiche Stimme“ bemerkte die Hexe, öffnete ganz leise die Tür und sah, dass die beiden großen Jungen fest schliefen. So schlich sie zu ihrem Bett, berührte die Brüder mit ihrer eisigen Todeshand und noch im gleichen Moment hauchten sie ihr Leben aus und lagen regungslos da.

Am folgenden Morgen rief die Ente ihre Kinder, doch keines kam. Sie spürte, dass etwas Böses passiert war und ihr Herzchen raste. Sie flog in das Schloss des Fürsten und dort im Hof lagen die drei Brüderchen, weiß wie Tücher, kalt wie ein Eisblock, still und regungslos. Die Mutter landete auf ihnen, bedeckte sie mit ihren Flügeln und sang:

„Quak, quak meine Söhnelein,
Quak, quak liebste Kinderlein,
Ich zog euch groß in vieler Not,
Sorgte gut, nun seid ihr tot.
Ich schlief nicht in so mancher Nacht,
Bin nun um jeden Schlaf gebracht.“

Der Fürst hörte den Gesang und sagte zu seiner falschen Frau: „Hast du so das schon einmal gehört? Die Ente singt mit der Stimme einer Frau!“

„Das scheint dir nur so. Lass sie fort jagen!“

Die Diener des Fürsten vertrieben die Ente, aber schon bald kam sie wieder zurück zu ihren Kindern und klagte:

„Quak, quak meine Söhnelein,
Quak, quak liebste Kinderlein,
Die Hexe hat euch verdammt,
so dass euer Leben schwand.
Die böse Hexe, voll Gier und voll Neid,
Nahm euch den Vater vor langer Zeit,
Stieß mich ins Bächlein, verwandelte mich
Setzte sich auf meinen Platz wie zuvor ich.
So musste ich dann als Entchen leben
Und sie lebte das Fürstinnenleben.“

Der Fürst horchte auf und wies seine Diener an: „Fangt mir das weiße Entchen!“

Alle rannten, um sie zu erwischen, doch niemand konnte sie fassen. Als aber der Fürst selbst ihr hinterher lief, fiel sie in seine Arme. Er nahm einen Flügel in seine Hand und sprach:

„Steh, weiße Birke hinter mir,
Steh, schönes Mädchen vor mir!“


Da schien es, als ob die Birke hinter ihm sich streckte und mit einem mal stand an Stelle des Vogels ein schönes Mädchen vor dem Fürsten, das er sogleich als seine wahre Gemahlin erkannte. Das Mädchen rief eine Elster, band ihr zwei Bläschen für Wasser unter die Flügel und befahl ihr, in dem einen das Wasser des Lebens und in dem anderen das Wasser des Sprechens herbei zu schaffen.

Die Elster flog fort und einige Zeit später kehrte sie tatsächlich mit den beiden Wassern zurück. Die Brüder wurden mit dem Wasser des Lebens besprengt, da fingen sie an sich zu rühren und standen auf, dann wurden sie mit dem Wasser des Sprechens besprengt und schon redeten sie. So bekam der Fürst seine Familie und lebte mit ihnen zusammen in Glück und Zufriedenheit. Die böse Hexe jedoch band man an ein Pferd, jagte es über die Felder, so dass ihr Arme und Beine an den Gräben und Steinen brachen. Was von ihr später übrig war, pickten die Vögel auf uns so blieb von ihr keine Spur, nicht mal eine Gedanke zurück.

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