Das buckelige Pferdchen | Ein Märchen aus Russland

Das buckelige Pferdchen | Ein Märchen aus Russland

Es lebten einmal in einem Land, das heute nur noch sehr wenige Leute kennen und die Tiere manchmal auch sprechen konnten, in einem Königreich voller Wunder drei junge Brüder. In irgendeinem Jahr hatten die Brüder ein großes Problem. Irgend etwas trampelte auf ihren Feldern herum und zerstörte so ihre Ernte. So beschlossen sie, in den Nächten an ihren Äckern Wache zu halten, um den Bösewicht, der sie um ihr täglich Brot brachte, zu fassen. Die zwei älteren Brüder wachten in den ersten beiden Nächten, aber flohen und versteckten sich voller Angst, als Stürme und kalte Winde in den Nächten über das Land wehten.

Der jüngste Bruder, der Iwan hieß und als der Dummling der Familie galt, blieb standhaft in einer Ecke sitzen, als die kalten Winde über das Land fuhren und sang statt davon zu laufen mit klarer Stimme ein Lied. Aber irgendwann in der Nacht hielt er in seinem Gesang inne, da er im Licht des Mondes sah, wer den Schaden auf den Feldern der Brüder anrichtete. Es war ein junges Pferd mit schneeweißem Fell. Iwan schlich sich an das Pferd heran und mit einem Satz sprang er auf das Tier hinauf. Dieses fing sofort an auszuschlagen, sich aufzubäumen und zu schütteln, um seinen ungebetenen Reiter wieder los zu werden. Doch Iwan hielt sich auf dem Rücken des Pferdes, obwohl er falsch herum darauf saß und sich nur an seinem Schweif festhalten konnte.

Plötzlich gab das Pferd auf, aber versprach Iwan, dass wenn er es frei lasse, es ihm zwei goldmähnige Stuten von unbeschreiblicher Schönheit geben würde sowie ein Pferdchen mit zwei Buckeln und langen Ohren. Iwan könne die Stuten verkaufen, wenn er wolle, solle sich jedoch nie von dem Pferdchen trennen, das ihn immer als treuer Freund durch das Leben begleiten würde. Iwan erklärte sich einverstanden, denn als der Dummling hatte er nur wenige Freunde und ein Pferdchen als Freund zu haben, gefiel ihm sehr wohl. So ließ er das Pferd frei und ging nach Hause, verschwieg aber seinen Brüdern, was er auf dem Feld genau erlebt hatte.



Einige Tage später kam einer der beiden Brüder in den Stall und entdeckte dort die zwei goldhaarigen Stuten und das buckelige Pferdchen. „So ist das der Grund, dass unser dummer Bruder in den letzten Nächten hier geschlafen hat“ dachte er. Er und der andere Bruder Iwans beschlossen daraufhin, die Stuten in der Stadt zu verkaufen, den Gewinn unter sich aufzuteilen und Iwan nichts davon zu erzählen. „Lass den Dummling nach allem suchen, was er will“ sagten sie.

Kurz drauf entdeckte auch Iwan, dass die beiden Stuten im Stall fehlten und das buckelige Pferdchen erzählte ihm, was passiert war. Das Pferdchen meinte, er solle auf seinen Rücken springen und sie würden die beiden Brüder sicher noch fangen. Das Pferdchen war klein, doch schnell wie der Blitz. Schon nach kurzer Zeit hatten sie die Diebe überholt. Iwan rief ihnen zu: „Schande auf euch, meine Brüder. Ihr mögt vielleicht schlauer als ich sein, aber Pferde zu stehlen ist etwas, was ich nie tun würde.“ Die Brüder entschuldigten sich bei Iwan, meinten jedoch, die Familie bräuchte das Geld. Vertrauensvoll, wie er war, glaubte Iwan ihnen, stimmte dem Verkauf der Stuten zum Besten der Familie zu und begleitete sie in die Stadt.

Schnell wurde es dunkel und die Brüder beschlossen zu rasten. Plötzlich sahen sie ein fremdartiges Schimmern in der Ferne und Iwan wurde ausgesandt, es zu untersuchen. Auf dem Rücken des buckeligen Pferdchens ritt er auf das Licht zu, bis er zu einem Feld gelangte, das erleuchtet war wie am hellen Tag. Und alles Licht kam von einer glänzenden Feder des fabelhaften Feuervogels, die mitten auf dem Feld lag. Das buckelige Pferdchen warnte Iwan, die Feder des Feuervogel nicht zu berühren, oder Ärger würde seinen Weg kreuzen. Doch dennoch hob Iwan die glänzende Feder auf und steckte sie unter seinen Hut. Als er zu seinen Brüdern zurück kam, sagte er ihnen, das Licht wäre ausgegangen, bevor er dort gewesen sei und erwähnte die Feder mit keinem Wort.

Am nächsten Tag erreichten alle die Stadt, in der sie die goldmähnigen Stuten verkaufen wollten. Der König erfuhr davon, dass zwei derart außergewöhnlich prächtige Tiere verkauft werden sollten und ging persönlich zum Markt, um einen Blick auf sie zu werfen. Er war sofort begeistert von den beiden schönen Pferden und kaufte beide sofort. Aber als die Knechte des Königs die Pferde davon führen wollten, rissen sich die Tiere los, brachen aus und liefen zurück zu Iwan, ihrem Meister. Als der König die Zuneigung der Pferde zu dem Jungen bemerkte, fragte er Iwan, ob er nicht in den königlichen Stallungen arbeiten wolle, womit Iwan sofort einverstanden war. Er wünschte sich nur, dass er nicht geschlagen werden und so viel schlafen dürfe, wie er wolle.

Iwan arbeitete gut in den Stallungen, wenn auch sein Gesinge den anderen Knechten den letzten Nerv raubte. Der königliche Kammerherr, dessen Aufgaben als Oberstallmeister nun von Iwan wahrgenommen wurden, war dennoch ein wenig neidisch. Er beobachtete den jungen Burschen bei seiner Arbeit genau, um möglichst bald Fehler bei seiner Arbeit zu finden. Eines Tages, als er Iwan hinterher spionierte, befiel ihn große Furcht, als er ein gleißendes Licht aus Iwans Zimmer scheinen sah. Natürlich hatte Iwan die Feder aus seinem Hut genommen. Der Kammerherr berichtete sogleich dem König, dass Iwan absichtlich eine Feder des Feuervogels versteckte und dass er in der Lage sei, den Feuervogel selbst jederzeit zu bekommen.

Als Iwan zum König gerufen wurde, leugnete er alles, war jedoch sprachlos, aber der König ein kleines Kästchen öffnete und ihm die Feder des Feuervogels zeigte. Iwan flehte um Verzeihung. Der König sagte, er würde ihm nur dann vergeben, wenn Iwan ihm einen lebendigen Feuervogel brächte. Andernfalls würde er in den Kerker geworfen und habe sein Leben verwirkt.

Der arme Iwan verließ des Palast mit Tränen in den Augen und erzählte dem buckeligen Pferdchen von seinem Problem. Das Pferdchen versprach ihm zu helfen und sagte:

„Diese Aufgabe ist eher klein

ich werde für die Lösung bei dir sein.

Zuerst vermischen wir Brot und Wein

Und dann gehen wir los und alles wird fein.“

Nach acht Tagen erreichten sie einen kleinen Tümpel, der vor einem majestätisch Berg aus purem Silber lag. Das Pferdchen meinte, dies wäre das liebste Wasserloch der Feuervögel und er solle nur das Brot in den Wein tauchen und für die Feuervögel auslegen. Um Mitternacht kamen die Vögel und aßen die Brotkrumen. Als einer hiervon etwas betrunken wurden, schnappte Iwan ihn sich, steckte ihn in einen Sack und ritt zurück zum König.

Als Iwan mit seinem Fang in den Palast kam, war das Licht des Vogels so grell, dass der König, als er es sah, um Hilfe rief, da er dachte, das Zimmer stünde in Flammen. „Es gibt keine Flammen hier“ versicherte ihm Iwan. „Das Licht kommt von dem sagenhaften Feuervogel.“ Der König war so entzückt, dass er Iwan zu seinem persönlichen Leibdiener machte.

Der königliche Kammerherr war nun ärgerlicher und neidischer als jemals zuvor. Er schwor, dass er den jungen Burschen doch noch in den Kerker bringen würde.

Einige Wochen später hörte der Kammerherr Küchenmägde über ein Märchen von einer Königstochter, schön und jung, deren Bruder der Mond und deren Mutter die Sonne sei, reden. Der Kammerherr erzählte dem König von der edlen Jungfrau und das Iwan damit angegeben hätte, er könne das Mädchen her holen, wann immer er wolle. Der König war so begeistert von der Erzählung, dass er das Mädchen unbedingt für sich selbst haben wollte. So rief er nach Iwan, sie zu ihm zu bringen – oder aber er würde seinen Kopf verlieren. Iwan verließ erneut den König in großer Betrübnis. Aber sein Pferdchen versprach ihm erneut, bei der Suche nach dem Mädchen zu helfen.

Die beiden verließen den Palast und am achten Tag erreichten sie die See an einer Stelle, die dafür bekannt war, dass die Jungfrau mehrmals im Jahr hier vorbei kam. Nach den Anweisungen des Pferdchens erbaute Iwan dort ein Zelt mit Speisen und süßen Leckereien darin, so dass er sie fangen konnte, wenn sie hinein ging, um von den Köstlichkeiten zu probieren. Und einen Tag später kam dann auch die Königstochter in einem kleinen Boot und ging zu dem Zelt, wie das Pferdchen versprochen hatte. Iwan schaute durch ein Loch in der Zeltwand und dachte, dass das Mädchen zwar schön, aber doch zu blass und zu dünn für ihn sei. Dann begann sie auf der Laute zu spielen und eine Melodie auf das lieblichste zu singen, so dass Iwan die Augen zu fielen und er sogleich in tiefen Schlaf fiel. So vergab er an diesem Tag seine Chance, die Jungfrau zu fangen, aber am nächsten Tag hatte er mehr Glück, fing sie und zu dritt gingen sie zurück zum Palast des Königs.


Der alte König sah die junge Königstochter und bat sie, ihn zu heiraten. Sie wies ihn ab, doch auch diese Zurückweisung steigerte nur noch sein Verlangen, sie zur Frau zu bekommen so hörte er nicht auf, sie um ihre Hand zu bitten. Zuletzt, um seinen dauernden Nachstellungen zu entgehen, sagte sie ihm, dass sie ihn erst heiraten würde, wenn er ihr einen Ring brächte, den sie einstmals auf dem Grunde des Ozeans verloren habe.

Sofort wurde Iwan gerufen, diese unmögliche Aufgabe zu lösen und wieder unter Androhung der Todesstrafe, falls er versage. Als Iwan den Palast verließ, trug ihm die Prinzessin auf, ihre Grüße an ihren Bruder den Mond und ihre Mutter die Sonne auszurichten und sie zu fragen, warum sie sich nun bereits seit drei Tagen vor ihr verbergen würden.

Iwan und das Pferdchen starteten daraufhin ihre Suche nach dem Ring am Meeresstrand, wo sie Schuda-Juda, einen großen Wal entdeckten, der dort vor zehn Jahren auf dem Strand angelandet war. Schuda-Juda war gerade noch am Leben und Löcher und Narben waren überall auf seinem riesigen Körper zu sehen. Zwei Bäume hatten seinen Schwanz eingeklemmt, es war sogar eine Vogelkolonie auf seinem Rücken. Der riesige Wal schaute sehr traurig zu Iwan und versicherte ihm: „Wenn du sie bald siehst, frage bitte die Sonne und den Mond, warum ich so bestraft wurde. Dann kann ich dir vielleicht auch helfen, den Ring zu finden.“

So ritt Iwan auf seinem buckeligen Pferdchen weiter, die Sonne zu besuchen, die in einem Palast aus Gold mit einem Dach aus reinstem Kristall lebte. Iwan überbrachte die Grüße von ihrer Tochter, der Prinzessin, und fragte ihn, warum sie und der Mond sich seit drei Tagen vor der Jungfrau versteckten. Da brach die Sonne in Tränen aus, umarmte Iwan, küsste ihn auf die Stirn und sprach: „Was für eine Erleichterung zu hören, dass sie am Leben ist!“ sagte sie. „Der Mond und ich haben über den dunklen Wolken geweint, da wir dachten, sie wäre verloren. Iwan erzählte der Sonne die ganze Geschichte und dass der König die Prinzessin zur Frau haben wolle.

Die Sonne war sehr befremdet über die Nachricht, da sie wusste, dass der König alt genug war, um der Großvater der Prinzessin zu sein. „Sag ihr“ sagte sie „dass eines Tages ein tapferer Bursche kommen und sie heiraten wird und sie dann von dem zahnlosen König erlöst sein wird. Sag ihr auch, dass ich sie liebe und immer bei ihr sein werde, ebenso wie ihr Bruder, der Mond.“

Da beendete Iwan seinen Besuch bei der Sonne mit der Frage für den Wal Schuda-Juda, warum dieser so leiden müsse. Da meinte sie, er würde bestraft, weil er drei Dutzend Schiffe verschlungen habe. „Wenn er die Schiffe davon segeln lässt, wird Gott seine Bestrafung beenden.“

Iwan sagte der Sonne Lebewohl und ging zurück zum Wal Schuda-Juda. Zu seiner Verteidigung meinte der Wal, dass er die Schiffe nur zu seinem Schutz verschluckt hätte. Aber wie es sich auch verhielt – mit großem Laut öffnete er seinen gigantischen Rachen und drei Schiffe, voll beladen und mit Besatzung segelten heraus. Im gleichen Moment heilten alle Wunden des Wals und wie in alten Zeiten zog Schuda-Juda seinen Schwanz zwischen den Bäumen hervor, platschte mit ihm in das Wasser und kam schließlich vom Strand frei. Kaum wieder im Meer, versprach er sogleich Iwan, für ihn den Ring zu finden, tauchte sofort auf der Suche zum Meeresgrund hinab und schon bald hatte er ihn gefunden.

Zurück im Königreich, gab Iwan den Ring dem König der ihn sofort der Prinzessin brachte. Aber noch immer weigerte sie sich, ihn zu heiraten. „Ich bin gerade 15 Jahre alt“ sagte sie „wie könnten wir heiraten? Alle anderen Könige würden uns auslachen. Alle würden sagen: Dieser alte Narr heiratet seine Enkeltochter!“ Aber sie meinte, er könne seine Jugend zurück erhalten, wenn er in drei Kesseln bade: Einem mit kochendem Wasser, einem mit kochender Milch und einem mit Eiswasser.

Der König ließ sogleich drei Kessel in den Hof des Königsschlosses schaffen und alles vorbereiten. Am nächsten Tag wies er Iwan an, in sie hinein zu springen, um ihre Wirkung zu testen. „Wenn du das nicht für mich tust, werde ich dich in kleine Stücke zerschneiden lassen“ drohte er ihm. Iwan bekam natürlich große Angst. Aber das kleine buckelige Pferdchen war wieder bei ihm und bevor Iwan in die Kessel sprang, hielt das Pferdchen sein Maul in die drei Kessel, besprengte Iwan mit einem Schütteln seines Kopfs und pfiff drei Mal eine kurze Melodie.

Nun sprang Iwan in die drei Kessel. Nachdem er aus dem letzten heraus gestiegen war, hatte er sich tatsächlich in einen prächtigen jungen Mann verwandelt. Diese Verwandlung ermutigte den König. Er warf sogleich seine Kleider von sich, sprang in den ersten Kessel und wurde in ihm sogleich zu Tode gekocht.

Die Prinzessin aber nahm Iwan bei der Hand. Dieser empfand sie nicht länger als blass und dünn, sondern als das schönste und anmutigste Geschöpf, dass es jemals auf Erden gab. Später heirateten die beiden mit großem Prunk in einer feierlichen Zeremonie. Und da der alte König tot war und keine Nachkommen hinterlassen hatte, wurden sie gleich aufgefordert, das Königreich von nun an zu regieren. So lebten alle glücklich in all den folgenden Jahren, auch das buckelige Pferdchen, das für immer Iwans wahrer und treuer Freund blieb.

Pjotr Jerschow

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