­čîč Wie der alte Christian Weihnachten feierte

­čîč Wie der alte Christian Weihnachten feierte

"Kind," sagte am Vortage des Weihnachtsfestes meine gute Mutter zu mir, "Kind, geh, bring' dem alten Christian seine Kuchenstolle und dieses Paket. Sag', ich lie├č' ihn sch├Ân gr├╝├čen, und er m├Âchte das Fest und das neue Jahr gesund und ruhig verleben. Diesmal w├Ąr' zuviel Arbeit, ich k├Ânnt' nicht selber abkommen."

Ich blickte etwas erstaunt und beunruhigt von meinem Buche auf. Ich kannte den m├╝rrischen alten Waldh├╝ter recht gut; wie oft hatte ich mich als kleines M├Ądchen vor seinem gro├čen rostigen Schnurrbart gef├╝rchtet, wenn er uns beim Beerensuchen auf verbotenen Pl├Ątzen ├╝berraschte und uns mit seinem Brummba├č aufschreckte und davonjagte.

Jetzt freilich hatten wir ihn nicht mehr zu f├╝rchten, denn er war schon seit zwei Jahren pensioniert. Nach dem Tode des alten F├Ârsters, dem er sehr ergeben war, hatte auch er um seine Entlassung gebeten. Das Rei├čen in den F├╝├čen sei zu arg, meinte er, er k├Ânne nicht mehr stundenlang im Walde umherlaufen; und mein Vater, der Arzt im St├Ądtchen war, hatte ihm das gew├╝nschte Attest ausgesellt. Seitdem hatten wir einen neuen F├Ârster und einen neuen Waldh├╝ter, und beide nahmen es nicht so genau mit uns Kindern. Der alte Christian Merkenthin aber zog zur Witwe Klemm drau├čen in der Vorstadt, die dem Walde am n├Ąchsten lag, und lie├č sich selten blicken. Zu ihm sollte ich nun gehen.

Meiner Mutter, der meine Unruhe nicht entgangen war, l├Ąchelte: "Geh' nur, Kind, er ist in seiner Stube anders als du ihn sonst kennst, und du bist schon gro├č und verst├Ąndig genug, um deine Freude an dem pr├Ąchtigen alten Manne zu haben."

Ich nahm meinen Mut zusammen, als ich die gute Mutter so reden h├Ârte, klappte mein Buch zu, langte Hut und Mantel vom Riegel und machte mich gehbereit. "Wenn du dem Christian ein wenig Gesellschaft leisten willst, kannst du das gerne tun," sagte meine Mutter noch, indem sie mir sogleich die Pakete in den Arm legte, "um sechseinhalb Uhr wird beschert, da musst du wieder hier sein."
Ich nickte still, sagte ihr Lebewohl und ging mit leiser Neugier im Herzen und etwas Bangigkeit die Hauptstra├če der Stadt hinunter. Ich beschleunigte meine Schritte und war bald aus der H├Ąuserreihe heraus.

Die Wiesen, die sich bis zum Waldrande ausbreiteten, lagen im tiefen Schnee, und auf den kahlen ├ästen der Kirschb├Ąume, die die Chaussee begrenzten, hockten und flatterten Hunderte von Kr├Ąhen, die wohl vergebens nach Futter suchten. An den beiden verschneiten Kornm├╝hlen vorbei, die leise im Winde knarrten, kam ich mit rotgefrorener Nase und steifen Fingern endlich bei dem H├Ąuschen der Witwe Klemm an, wo mich ein kleiner schwarzer Spitz mit w├╝tendem Gebell ansprang. Die Frau des Hauses, die auf sein Kl├Ąffen herauskam, rief ihn zur├╝ck und ma├č mit gro├čen Augen den unerwarteten Besuch. Auf meine Bitte f├╝hrte sie mich jedoch bereitwillig die steile Holztreppe hinan auf den kleinen mit frischen Sand bestreuten Flur, wo sie an einer der T├╝ren klopfte. Ohne lange das Herein abzuwarten, ├Âffnete sie, steckte den Kopf in die Spalte und meldete: "Eine kleine Jungfer w├╝nscht Euch zu sprechen, Herr Merkenthin," worauf sie die T├╝r weit aufsperrte und mit einem schnellen neugierigen Blicke verschwand.

Dichter Tabaksqualm umfing mich, als ich z├Âgernd n├Ąher trat und die T├╝r hinter mir zuzog; und zuerst sah ich weiter nichts, als die mir wohlbekannte, aufrechte Gestalt mit der Jagdjoppe und den hohen Wasserstiefeln, die er, wie ich sah, auch im Hause trug. Auf sein knurriges, doch nicht gerade unfreundliches: "Na, was bringst denn du?" kam ich mutig n├Ąher und legte meine Pakete auf den Tisch.
"Das schickt Euch Mutter, Herr Merkenthin, und Ihr m├Âchtet es nicht ├╝bel nehmen, wenn sie diesmal nicht selber k├Ąme, es w├Ąre zuviel im Hause zu tun." Der Alte hatte unterdessen die Stolle ausgewickelt und die Strickjacke und die Str├╝mpfe mit kritischen Blicken gemustert. Die Besichtigung schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, denn er legte alles wie z├Ąrtlich unter den kleinen Tannenbaum, der auf einer wei├čen Serviette auf der Kommode stand, versenkte sich in Betrachtung seiner Sch├Ątze oder hing sonst seinen Gedanken nach; jedenfalls schien er meine kleine Anwesenheit ganz vergessen zu haben.

Meine Augen hatten sich indessen an den Rauch gew├Âhnt, und ich lie├č sie nun in dem kleinen Zimmer umherwandern. Die Wand, an der ich lehnte, wurde fast ganz von einem gro├čen schwarzen Ledersofa ausgef├╝llt, das mit seinem eingesunkenem Sitz und seinen breiten Armlehnen gewiss von Urgro├čmutter Zeiten herstammte. Neben mir, auf einer der Lehnen, lag eine gro├če graue Katze zusammengerollt und schlief. Ich streichelte ihr dickes Fell, da erhob sie sich langsam, machte einen Buckel und gab mir deutlich zu verstehen, dass sie noch mehr gestreichelt sein wollte. In demselben Augenblicke flatterte etwas ├╝ber mir, und als ich hochsah, kam ein gr├Â├čerer Vogel und setzte sich auf meine Schulter.

Der alte Christian drehte sich um und brummte: "Magst du Tiere leiden, kleine Doktorn?" Ich nickte eifrig und stand ganz still, um den kleinen Gast auf der Schulter nicht zu verscheuchen. Des Alten Stimme wurde jetzt etwas sanfter: "Ich mag eigentlich keine V├Âgel im Zimmer; was in den Wald geh├Ârt, soll im Walde bleiben, aber der Bengel will nicht wieder fort, trotzdem der gebrochene Fl├╝gel lange auskuriert ist. Es ist ein Star und ein kluger Vogel," f├╝gte er hinzu, und ich sah, wie seine Augen liebevoll nach dem Tierchen hinblickten.

"Vertr├Ągt er sich denn mit der Katze?" fragte ich. "O, mein Peter wei├č schon, wieweit er gehen darf," knurrte der Alte, "und allein lass ich die beiden nicht, einer von ihnen spaziert in die K├╝che, wenn ich fortgehe; aber nun setz' dich doch auf das Sofa, du hast einen weiten Weg gehabt in der K├Ąlte, ich will dir was Warmes zu trinken holen."

Er verschwand durch die T├╝r, und ich streichelte abwechselnd den Vogel, der ruhig auf meiner Schulter blieb, und die Katze, die sich wohlig an meinem ├ärmel rieb. Eine geschnitzte Wanduhr tickte laut, und ├╝ber mich kam ein warmes Gef├╝hl von Heimlichkeit und Weihnachtsfreude. Die Tannenzweige, die hinter dem kleinen Spiegel ├╝ber der Kommode steckten, und das mit wei├čen Lichtern geschm├╝ckte B├Ąumchen verbreiteten einen lieben Duft, selbst der Tabaksqualm kam mir nun recht gem├╝tlich vor. Christian kam mit einem Glase Grog aus der K├╝che; legte einen Pfefferkuchen auf ein vergoldetes Tellerchen, das er aus der obersten Kommodenschublade nahm, und reichte mir beides. Der alte Mann sah recht hilflos und ungeschickt dabei aus, aber mir gefiel es, und mein junges Herz fing an, den b├Ąrbei├čigen Geber zu verstehen und zu lieben, wie nur Kinder lieben k├Ânnen, schnell und unmittelbar. Ich wollte ihm eigentlich sagen, dass uns solche Getr├Ąnke verboten seien, f├╝rchtete aber ihn zu kr├Ąnken und schwieg. Tapfer trank ich die scharfe hei├če Br├╝he, im stillen hoffend, dass meine Eltern es mir verzeihen w├╝rden. War ich doch damals schon zw├Âlf oder dreizehn Jahre alt, und begriff, das Recht und Unrecht nicht so leicht zu sondern sind wie ├äpfel und N├╝sse, und dass man sein Herz so erziehen muss, dass es ohne gro├če M├╝he das kleinere Unrecht und das gr├Â├čere Recht herausf├╝hlt.

Der alte Christian sah befriedigt zu, wie ich schluckweise trank und meinen Pfefferkuchen mit der Katze und dem Star teilte. Pl├Âtzlich sagte er: "Hast du Zeit, eine Stunde mit mir in den Wald zu gehen? Du kannst mir tragen helfen." Ich nickte und sah ihn erwartungsvoll an. "Nun ja," fuhr er fort, als er meine fragenden Augen sah, "nun ja, die Kreatur soll doch auch wissen, dass Weihnachten ist." Damit nahm er den Starmatz von meiner Schulter, ging in die K├╝che, und ich h├Ârte an seinem Zureden, dass er den Vogel in seinen Bauer sperrte. Mir brannten die Backen vor Freude; ich ahnte wohl, was der alte Waldh├╝ter, der sein halbes Leben in Gemeinschaft mit den Tieren des Waldes zugebracht hatte, tun wollte, und ich war gl├╝cklich, dieser seltsamen Bescherung beiwohnen zu d├╝rfen. War ich doch von klein auf daran gew├Âhnt, auch die Tiere als Gottesgesch├Âpfe zu betrachten, sie zu schonen und zu lieben, wie ein erwachsener Bruder seine unm├╝ndigen Geschwister schonen und lieben soll. Als der alte Christian gleich darauf mit seiner Pelzm├╝tze, den Wasserstiefeln und einem Sack ├╝ber der Schulter wieder in die Wohnstube trat, glich er ganz und gar dem Weihnachtsmann aus den M├Ąrchen, und ich lie├č mir wie im Traum den vollgepackten Henkelkorb ├╝ber den Arm h├Ąngen. Er nahm noch einen Spaten und mehrere Tannenzweige mit und schritt mir voran und die Treppe hinab. "Adjes, Frau Klemm," rief er durch die halboffene K├╝chent├╝r seiner Wirtin zu, "In ein bis zwei Stunden bin ich wieder da." "Gut, Herr Merkenthin," klang es zur├╝ck, und ich ging und ├Âffnete die Haust├╝r. Der Spitz lie├č uns mit leisem Knurren passieren. "Die Menschen sind auch misstrauisch, warum sollte es das Viehzeug es nicht sein," sagte mein Begleiter, "ihm kommt noch mehr ├ťbles zu als unsereinem," und damit schritten wir der ungef├Ąhr eine Viertelstunde entfernten Schonung zu.

Die Sonne neigte sich schon tief nach Westen und stand wie eine blutrote Scheibe am Himmel; ein k├╝hler Wind strich ├╝ber die Felder. Wir mussten am Ortskirchhof vorbei, und mein Blick streifte die in tiefen Schnee gebetteten Gr├Ąber. Nie war ich bisher im Winter hierher gekommen; ich kannte den Kirchhof nur voller Gr├╝n und Blumen, und eine Ahnung von der Feierlichkeit alles Gewesenen streifte meine junge Seele.

Der alte Christian war stehen geblieben. "Warte ein paar Minuten," sagte er, "ich bin gleich wieder hier." Damit stellte er den Sack neben mich, nahm den Spaten und die gr├╝nen Zweige und verschwand hinter der eisernen Pforte. Ich sah ihm nach. Ein Schwarm Kr├Ąhen flog bei seinem Eintritt in die H├Âhe, und ich verfolgte mit meinen Blicken die V├Âgel, wie sie kr├Ąchzend dem Walde zuflogen. Ob die Tiere auch etwas vom Tode wussten? . . .

Aus dem Hause des Totengr├Ąbers, der ein St├╝ck weiter die Stra├če hinauf wohnte, klang pl├Âtzlich doppelstimmig: "O, du fr├Âhliche, o, du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit," und mein bewegliches Kinderherz streifte mit einem L├Ącheln die kleine Wehmut ab und wurde wieder hell und weihnachtsfr├Âhlich, als g├Ąbe es keine Kirchh├Âfe und keine hungrigen Kr├Ąhen mehr auf der Welt. Jetzt kam auch der alte Christian zur├╝ck, aber ohne die gr├╝nen Zweige. "Hab' meiner guten Frau und der kleinen K├Ąte da drin blo├č sagen wollen, dass ich am Weihnachtsabend an sie denke," brummte er, nahm, ohne mich weiter anzusehen, seinen Sack auf und ging etwas schneller als vorher dem Walde zu.

Ich lie├č ihn vorausgehen und horchte auf den Klang des Weihnachtsliedes, der noch eine ganze Weile mit uns mitging; mir war, als w├Ąre ich in der Kirche. Ich h├Ątte dem alten Manne, der seine liebsten Menschen hatte begraben m├╝ssen und nun allein unter dem Weihnachtsbaum stehen w├╝rde, so herzlich gern etwas Liebes gesagt; aber ich wusste nicht, wie ich das beginnen sollte, und so ging ich schweigend hinter ihm her. Unvermutet kam mir da meine liebe Mutter in den Sinn; ich begriff, warum sie gerade dem alten Christian heut eine Herzensfreude bereiten wollte, und eine gro├če Dankbarkeit ├╝berkam mich, ein neues sch├Ânes Gef├╝hl von Liebe und Erkenntnis.
Der Wald, der sich jetzt vor uns ausbreitete, kam mir in seiner wei├čen Einsamkeit fast sch├Âner vor als im Sommer. Der Wind hatte sich gelegt, wir h├Ârten nur den weichen Ton unserer Schritte und dann und wann ein leise Knacken im Holze, dass von d├╝rren ├ästen herr├╝hrte, denen die Schneelast zu schwer geworden war.

Christian blieb stehen: "Nun wollen wir unsere Weihnachtstische herrichten," sagte er, nahm seinen gro├čen Sack von den Schultern und band ihn auf. Was da nicht alles zum Vorschein kam! Hammer und Zange, Bindfaden und N├Ągel, Messer und Schere; und wozu er wohl alle die Strohmatten und zugespitzten St├Ąbe brauchen w├╝rde, die er aus den Tiefen des Sackes hervorholte. Meine Neugierde sollte bald gestillt werden, denn ich musste meinen Korb hinsetzen und ihm bei seiner wunderlichen Arbeit behilflich sein.

Da, wo dichtes Astwerk den Schnee abgefangen hatte, so das der Boden nur wenig damit bedeckt war, bauten wir unsere Speisekammern. Zwei Ecken einer Matte banden wir etwa meterhoch an einem Baumstamm fest, w├Ąhrend die beiden anderen Ecken auf zwei in der N├Ąhe eingebohrten Pf├Ąhlen befestigt wurden.

So entstand ein gedeckter kleiner Raum, der den hungrigen Tieren gut zug├Ąngig war. Wir s├Ąuberten ihn vollends vom Schnee, und nun kam auch mein Korb und sein Inhalt an die Reihe. "Hier am Waldrand h├Ąlt sich Meister Lampe gern auf," sagte der alte Christian; dabei langte er Kohlbl├Ątter und R├╝ben aus dem Korbe, um sie dem H├Ąschen aufzubauen um ihm etwas seinen Winterhunger zu stillen. "Es ist ein Jammer, wie viel gutes unn├╝tz auf dem Kehrrichthaufen verkommt", f├╝gte er hinzu, "Wo doch so viel dankbares kleines Gesindel in der Welt umherl├Ąuft, ja, ja, der Mensch denkt kaum an seinesgleichen, wie sollte er der Kreatur gedenken." Ich nickte ernsthaft und nachdenklich, und dann gingen wir weiter.

Alle f├╝nfhundert Schritte etwa schufen wir ein neues Tischlein-deck-dich. Aber nicht blo├č f├╝r die Hasen, auch f├╝r die V├Âgel wurde liebevoll gesorgt. Futterk├Ąsten mit allerlei Samen, Sonnenblumen- und K├╝rbiskernen wurden in Ast und Strauch untergebracht; Talgkl├Â├če und Speckschwarten, ja ein paar ganze G├Ąnsegerippe und Bratenkeulen mussten sich die B├Ąume aufbinden lassen. "Die sind f├╝r die Meisen und Spechte, auch f├╝r die Rotkehlchen und das andere kleine Viehzeug, denen der Flug ├╝bers Meer zu weit ist," meinte der Christian; "hoffentlich naschen ihnen die Kr├Ąhen und Dohlen nicht das beste weg. Aber die wollen doch auch leben," f├╝gte er leise hinzu, "auch dem B├Âsesten knurrt der Magen, ja, wenn der Hunger nicht w├Ąre, wenn der Hunger nicht w├Ąre!"
So stapften wir weiter durch den dichten Schnee, und w├Ąhrend unser Gep├Ąck immer leichter wurde, wurden unsere Herzen immer heller und weihnachtsfreudiger, und ich wei├č nicht, wie es kam, pl├Âtzlich war mir das sch├Âne Lied auf den Lippen, und ich sang es leise vor mich hin: "Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart . . ."

Der Alte h├Ârte and├Ąchtig zu, und als es zu Ende war, wiederholte er: "Mitten im kalten Winter - ja, mitten im kalten Winter, da bl├╝ht's oft drinnen am besten auf, aber das wirst du nicht verstehen, kleine Doktorn."

Nein, ich verstand es damals noch nicht, jedoch ich f├╝hlte, dass der alte Christian was Liebes damit meinte, und fasste nach seiner alten runzligen Hand.
Das Sch├Ânste vom Tage sollten wir aber noch erleben. In einer Lichtung stand pl├Âtzlich ein gro├čer Hirsch vor uns, und mehrere junge Hirsche und Hirschk├╝he kamen hinter ihm her. Er hob den Kopf mit dem sch├Ânen Geweih und sah uns klug und furchtlos an. Auf das leise Pfeifen des Alten kam er zutraulich n├Ąher und das ganze Rudel mit ihm. Wir warfen ihnen Brot und Kartoffeln zu, die sie sogleich verzehrten, ja, der gro├če Hirsch wurde so dreist, dass er aus meiner ausgestreckten Hand ein St├╝ck Brot nahm, und ihr k├Ânnt euch gewiss denken, wie sehr ich mich dar├╝ber freute.
"Es ist Schonzeit, da wei├č die Kreatur, dass sie was riskieren kann," brummte der Alte; aber auch aus seinen umbuschten grauen Augen zuckte die Freude ├╝ber das h├╝bsche Bild.

Das schrille Gel├Ąute eines Schlittens, der auf der nahen Landstra├če daherkam, lie├č unsere lieben G├Ąste j├Ąh auffahren und die Flucht ergreifen. Ich sah ihnen bedauernd nach. "Sie sind schon wieder her, kleine Doktorn," sagte Christian, "hier ist seit vielen Jahren ihr Futterplatz."
Nun sah ich erst, dass etwa hundert Schritte von uns ein kleines festes Strohdach auf Pf├Ąhlen aufgerichtet war, und dass noch geringe Futterreste verstreut umherlagen. Mein Begleiter nahm aus dem Korbe reichlich Rosskastanien, Eicheln, getrocknete Lupinen und das noch ├╝brige Brot und baute es dem Wilde als Weihnachtsgabe auf. "Kommen die Rehe auch hierher?" fragte ich und hoffte im stillen auch diese h├╝bschen Tiere nah bei sehen zu d├╝rfen. "Nein, denen m├╝ssen wir woanders bescheren," meinte der Alte, "die haben eine feine Nase und lieben den Hirschgeruch nicht. Und kies├Ątig ist die Bande auch," f├╝gte er hinzu, "wenn sie nichts Gr├╝nes mehr finden, fressen sie h├Âchstens ein bisschen Korn und feines Heu, na, sie sollen auch ihr Teilchen kriegen. Aber aus der Hand werden sie dir wohl kaum fressen, du kleine Hexe, es ist ein furchtsames Chor; komm, ich wei├č die Stellen, wo sie gern ├Ąsen, sie sollen heute auch was extra Leckeres haben."

Wir gingen noch etwas tiefer in den Wald und fanden bald an einer ziemlich versteckten kleinen Lichtung Spuren von Rehwild und einen ├Ąhnlichen Futterplatz wie zuvor. Hier legten wir Korn und Heu nieder und verhielten und eine Weile m├Ąuschenstill; die kleinen G├Ąste wollten sich aber nicht blicken lassen.

"Morgen fr├╝h werden sie die Bescherung schon finden," schmunzelte der Alte und band noch den Rest unserer Vorr├Ąte f├╝r die V├Âgel in die B├Ąume.
Es war auch mittlerweile Zeit geworden, an den Heimweg zu denken. Die Sonne war lange untergegangen, und nur der Schnee leuchtete uns aus dem Dickicht hinaus. Es war empfindlich kalt geworden, ich schlug den Mantelkragen hoch und steckte die fast erstarrten H├Ąnde in die ├ärmel.
"Komm nur, kleine Doktorn," tr├Âstete mich mein Begleiter, "der Schneiderwirt wohnt nicht weit von hier, der hat einen feinen Schlitten, und hastenichtgesehn sind wir zu Hause, das w├Ąre doch noch ein Extra-Weihnachtsspa├č, wie?" Und damit zog er mich frierende kleine Person durch das Gewirr der St├Ąmme auf nur ihm bekannten Pfaden vorw├Ąrts, und bald waren wir auf der Landstra├če. Hier gr├╝├čte uns schon von weitem das gr├╝ne Licht einer Laterne, die zum Wirtshaus zum B├Ąren geh├Ârte. Peter Holtzen, ein fr├╝herer Schneider, hauste darin, und man nannte ihn in der ganzen Gegend den Schneiderwirt. Wir traten mit Behagen in die warme Wirtsstube, und die gute Mutter Holtzen zog mir gleich die nassen Schuhe und Str├╝mpfe aus und hing sie ├╝ber die Messinghaken, die in den riesigen gr├╝nen Kachelofen eingeschraubt waren. Meine nackten F├╝├če steckte sie in warme Pantoffeln, brachte mir eine Tasse hei├če Milch, und nach ein paar Minuten wusste ich nichts mehr von Frost und K├Ąlte.

Der alte Christian trank ein Glas Warmbier, rauchte dazu sein Pfeifchen und plauderte mit Peter, dem Schneiderwirt, ├╝ber die Schlachten bei W├Ârth und Sedan, und wie kalt es in diesem Winter gewesen war; und ich h├Ârte den beiden alten Soldaten mit Interesse zu.
"Bist `ne wackre Dirn, " sagte der alte Christian zu mir, als wir eine halbe Stunde sp├Ąter in dem h├╝bschen Wirtsschlitten unter lustigem Gel├Ąute nach Hause fuhren, "bist `ne wackre Dirn, kleine Doktorn, ich lie├č das Vater und Mutter extra bestellen und viele Gr├╝├če und sch├Ânen Dank dazu." Damit sprang er vor seiner T├╝r aus dem Schlitten, winkte noch mal mit der Pfeife, und der Kutscher fuhr weiter meinem elterlichen Hause zu. Ich lief die Treppe hinauf und fiel meiner Mutter um den Hals. Mein Herz war zu voll; erst nach und nach konnte ich von allem erz├Ąhlen. Aber nie zuvor hatten mir die Lichter am Tannenbaum so hell gestrahlt, und nie zuvor hatte ich Eltern und Geschwister so lieb gehabt wie an diesem Weihnachtsabend!

Zwischen dem alten Christian und mir entspann sich seit jenem Tage eine wirkliche Freundschaft, die bis zum Tode des alten Mannes dauerte. Oft sa├č ich an freien Nachmittagen in seinem St├╝bchen, las ihm die Zeitung vor oder besch├Ąftigte mich mit seinen Haustieren, f├╝r die ich meist diesen oder jenen Leckerbissen bereit hielt. Am Tage vor Weihnachten aber gingen wir regelm├Ą├čig in den Wald, um die Tiere zu f├╝ttern, und ich sammelte schon Wochen vorher f├╝r unsere Lieblinge.
Manch ein echtes und kluges Wort ist damals aus dem Munde des alten Christian in meine Seele geglitten und hat dort eigene Weihnachtskerzen angez├╝ndet, die hell und lieblich auf meinen Lebensweg leuchteten.

Paula Dehmel

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