­čÄů Ein Weihnachtsgast | Weihnachtsgeschichte

­čÄů Ein Weihnachtsgast | Weihnachtsgeschichte

Einer von denjenigen, welche als Kavaliere auf Ekeby gelebt hatten, war der kleine Ruster, der Noten transponieren und Fl├Âte spielen konnte. Er war aus niederem Stande und arm, ohne Heimat und ohne Angeh├Ârige. Es kamen schwere Zeiten f├╝r ihn, als die Kavalierschar sich zerstreute. Er hatte nun nicht l├Ąnger Pferd und Wagen, weder Pelz noch E├čkorb. Er mu├čte zu Fu├č von Hof zu Hof gehen und trug seine Habe in einem blaugew├╝rfelten Baumwollenschnupftuche eingeknotet. Den Rock kn├╝pfte er bis unter das Kinn zu, damit keiner sehen konnte, wie es mit Hemd und Weste bestellt war, und in seinen weiten Taschen verwahrte er seine kostbarsten G├╝ter: die auseinandergeschrobene Fl├Âte, die flache Taschenflasche und die Notenfeder.

Sein Beruf war das Notenabschreiben, und wenn alles noch so wie in alten Zeiten gewesen w├Ąre, w├╝rde es ihm nicht an Arbeit gefehlt haben. Doch mit jedem Jahre, das dahinging, wurde droben in V├Ąrmland weniger Musik getrieben. Die Gitarre mit ihrem morschen Seidenbande und das gewundene Waldhorn mit verblichenen Quasten und Schn├╝ren wurden in die Rumpelkammer auf den Boden gebracht, und der Staub legte sich zolldick auf die langen, eisenbeschlagenen Geigentasten. Doch je weniger der kleine Ruster mit der Fl├Âte zu tun hatte, desto mehr mu├čte er sich mit der Taschenflasche besch├Ąftigen, und schlie├člich wurde er der reine S├Ąufer. Es war sehr schade um den kleinen Ruster. Einstweilen wurde er auf den G├╝tern noch als ein alter Freund aufgenommen, doch es herrschte Trauer, wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch nach Schnaps und Branntwein, und sowie er ein paar Appetitschn├Ąpse oder ein Glas Grog getrunken hatte, bekam er einen Spitz und erz├Ąhlte widerw├Ąrtige Geschichten. Er war die Plage der gastfreien Gutsh├Âfe.

Einmal um Weihnachten ging er nach L├Âfdala, wo Liljekrona, der gro├če Geigenspieler, wohnte. Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere gewesen, doch nach dem Tode der Majorin war er auf sein sch├Ânes Gut L├Âfdala gezogen und dort geblieben. Jetzt kam Ruster in den Tagen vor Heiligabend, mitten in der R├Ąumerei, zu ihm und bat um Arbeit. Liljekrona besch├Ąftigte ihn mit dem Abschreiben einiger Notenhefte.

"Du h├Ąttest ihn lieber gleich wieder gehen lassen sollen," sagte Liljekronas Gattin, "jetzt wird er die Arbeit wohl so langsam ausf├╝hren, da├č wir ihn Heiligabend hier behalten m├╝ssen."

"Irgendwo mu├č er ihn ja verleben," antwortete Liljekrona. Und er setzte Ruster Grog und Branntwein vor, leistete ihm beim Trinken Gesellschaft und lebte die ganze Elebyzeit wieder mit ihm durch. Doch er war verstimmt, und der Gast war ihm, wie allen anderen zuwider, wenn er es sich auch nicht merken lassen wollte, weil ihm alte Freundschaft und Gastfreiheit heilig waren.

In Liljekronas Heim aber r├╝stete man sich seit drei Wochen zum Empfang des Christkindes. Man hatte in Ungem├╝tlichkeit und Hetzerei mit Arbeit gelebt, sich die Augen bei Talglichtern und Kiensp├Ąnen rot gewacht, im Vorratshause beim Fleischeinsalzen und im Brauhause beim Bierbrauen gefroren. Doch sowohl die Hausfrau wie die Dienerschaft hatten alles dieses ohne Murren hingenommen. Wenn alle Arbeit fertig war und der heilige Abend kam, w├╝rde sich ein s├╝├čer Zauber auf sie herabsenken. Das Weihnachtsfest w├╝rde die Wirkung haben, da├č Scherz und Neckerei, Reime und lustige Reden ihnen ganz ohne Anstrengung auf die Zunge k├Ąmen. Jeder Fu├č w├╝rde Lust versp├╝ren, sich im Tanze zu drehen, und aus den dunklen Winkeln des Ged├Ąchtnisses w├╝rden die Worte und Melodien der Reigen hervorschl├╝pfen, obwohl man jetzt gar nicht glauben konnte, da├č sie noch dort vorhanden seien. Und dann w├╝rden sie alle gut, ach so gut sein.

Doch wie nun Ruster kam, hatten s├Ąmtliche Hausgenossen in L├Âfdala das Gef├╝hl, da├č ihnen das Weihnachtsfest gest├Ârt werden w├╝rde. Die Hausfrau, die ├Ąlteren Kinder und die langj├Ąhrigen Diener waren alle gleicher Meinung. Ruster erregte in ihnen erstickende Angst. Sie f├╝rchteten ├╝berdies, da├č, wenn er und Liljekrona die alten Erinnerungen wieder zu durchleben anfingen, das K├╝nstlerblut in dem gro├čen Geiger aufwallen und sein Heim ihn verlieren w├╝rde. Fr├╝her hatte er es ja nie lange daheim ausgehalten.

Niemand kann beschreiben, wie der Hausherr, seit sie ihn ein paar Jahre ganz hatten behalten d├╝rfen, jetzt auf dem Gute geliebt wurde. Und was gab er ihnen auch! Wieviel war er den Seinen, vor allem im Weihnachtsfeste! Er hat seinen Platz nicht auf einem Sofa, oder in einem Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen, glattgescheuerten Holzbank in der Kaminecke. Wenn er dort sa├č, ritt er auf Abenteuer aus. Er fuhr rund um die Erde, stieg zu den Sternen empor und flog noch h├Âher. Er spielte und erz├Ąhlte abwechselnd, und alle Hausgenossen versammelten sich um ihn und h├Ârten zu. Das ganze Leben wurde stolz und sch├Ân, wenn der Reichtum dieser einen Seele es bestrahlte.

Daher liebten sie ihn, wie sie das Weihnachtsfest, den Frohsinn und die Fr├╝hlingssonne liebten. Und als der kleine Ruster kam, war ihr Weihnachtsfrieden gest├Ârt. Wenn er den Hausherrn fortlockte, hatten sie vergeblich gearbeitet. Es war ungerecht, da├č der S├Ąufer in einem frommen Hause am Weihnachtstische sitzen und alle Weihnachtsfreude verderben durfte.

Am Vormittage des Heiligen Abends war der kleine Ruster mit dem Notenschreiben fertig und sagte nun einige Worte vom Fortgehen, obwohl er nat├╝rlich die Absicht hatte, zu bleiben. Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung beeinflu├čt worden und sagte daher recht lau und gleichg├╝ltig, es sei wohl das beste, da├č Ruster das Weihnachtsfest ├╝ber bleibe, da er ja einmal hier sei.

Der kleine Ruster war ein stolzer Hitzkopf. Er zwirbelte seinen Schnurrbart und warf das schwarze K├╝nstlerhaar, das wie eine dunkle Wolke ├╝ber seiner Stirn lag, zur├╝ck. Was Liljekrona damit sagen wollte? Solle er nur bleiben, weil er sonst nirgends hink├Ânne? Oh, bitte sehr, auf den gro├čen Hammerwerken im Kirchspiele Bro werde er sehns├╝chtig erwartet! Das Fremdenzimmer sei in Ordnung, der Bewillkommnungsbecher gef├╝llt. Er habe es sehr eilig. Er wisse nur nicht, zu wem er zuerst fahren solle.

"Du liebe Zeit," antwortete Liljekrona, "du kannst gern fahren."

Nach dem Mittagessen bat der kleine Ruster um Pferd und Schlitten, Pelz und Fu├čsack. Ein Knecht aus L├Âfdala sollte ihn nach irgendeinem Orte im Broer Kirchspiele fahren und das Pferd schnell antreiben, da es nach Schneegest├Âber aussah.

Niemand glaubte, da├č er erwartet werde oder da├č es in der Gegend auch nur ein einziges Haus gebe, in welchem er willkommen war. Doch sie wollten ihn so gern los sein, da├č sie sich dies verhehlten und ihn fahren lie├čen. "Er hat es selbst gewollt," sagten sie. Und dann dachten sie, jetzt wollten sie fr├Âhlich sein.

Doch als sie sich gegen f├╝nf Uhr im Saale versammelten, um Tee zu trinken und um den Christbaum zu tanzen, war Liljekrona still und verstimmt. Er setzte sich nicht auf die Abenteuerbank, er r├╝hrte weder Tee noch Punsch an, er konnte sich keiner Polska erinnern und die Geige war nicht in Ordnung. Die, welche in der Stimmung seien, zu tanzen und zu spielen, m├Âchten es ohne ihn tun. Da wurde die Hausfrau unruhig, da wurden die Kinder verdrie├člich, alles im ganzen Hause ging verkehrt. Es wurde ein sehr tr├╝ber Heiligabend.

Die Gr├╝tze k├Ąste [Fu├čnote] die Lichter zischten, die Holzscheiter rauchten, der Wind brachte Schneetreiben und wehte recht bittere K├Ąlte in die Zimmer. Der Knecht, der den kleinen Ruster gefahren hatte, kam nicht wieder. Die Haush├Ąlterin weinte, die M├Ągde zankten sich.

Schlie├člich fiel es Liljekrona ein, da├č keine Garbe f├╝r die Sperlinge hingelegt worden sei, und er beklagte sich laut, da├č alle Weiber seines Haushaltes alte Br├Ąuche fallen lie├čen und neumodisch und herzlos seien. Sie aber begriffen recht gut, da├č das, was ihn qu├Ąlte, Gewissensbisse dar├╝ber waren, da├č er den kleinen Ruster am Heiligabende selbst hatte abreisen lassen.

Pl├Âtzlich ging er nach seinem Zimmer, schlo├č die T├╝r hinter sich und begann zu spielen, wie er, seit er zu wandern aufgeh├Ârt, nicht gespielt hatte. Ha├č und Hohn, Sehnsucht und Sturm lag darin. "Ihr dachtet, mich zu binden, aber ihr m├╝├čt andere Fesseln dazu schmieden. Ihr dachtet, mich kleinlich zu machen, wie ihr es selbst seid. Doch ich ziehe hinaus in das Gro├če, in das Freie, Alltagsmenschen, Haussklaven, fangt mich, wenn es in eurer Macht steht!"

Als die Hausfrau diese T├Âne h├Ârte, sagte sie: "Morgen ist er fort, wenn Gott nicht heute nacht ein Wunder tut. Jetzt hat unsre Ungastlichkeit gerade das bewirkt, was wir vermeiden zu k├Ânnen glaubten."

Inzwischen fuhr der kleine Ruster im Schneetreiben umher. Er fuhr von einem Gute zum andern und fragte, ob man dort Besch├Ąftigung f├╝r ihn habe, wurde aber nirgends aufgenommen. Er wurde nicht einmal zum Aussteigen aufgefordert. Einige hatten das Haus voll Besuch, andere wollten am ersten Festtage selbst verreisen. "Fahre zum n├Ąchsten Nachbar," sagten sie alle.

Er konnte gern kommen, wenn er ihnen nur die Gem├╝tlichkeit einiger Alltage st├Ârte, aber nicht am Heiligabend. Das Jahr hatte nur einen Heiligen Abend, und auf diesen hatten die Kinder sich schon den ganzen Herbst gefreut. Diesen Menschen konnte man doch nicht mit Kindern an einen Weihnachtstisch setzen. Fr├╝her hatten sie ihn gern aufgenommen, aber jetzt, seit er so trank, nicht mehr. Was sollte man auch mit dem Gesellen anfangen? Die Knechtstube war nicht gut genug f├╝r ihn und der Salon zu fein.

So mu├čte der kleine Ruster in dem peitschenden Schneetreiben von Hof zu Hof fahren. Der nasse Schnurrbart hing ihm schlaff ├╝ber die Lippen herab, seine Augen waren ger├Âtet und tr├╝be, doch der Branntwein wurde aus seinem Gehirn verweht. Er fing an zu gr├╝beln und zu staunen. War es m├Âglich, da├č keiner ihn aufnehmen wollte? Da sah er pl├Âtzlich sich selbst. Er sah, wie erb├Ąrmlich und heruntergekommen er war, und er begriff, da├č er den Menschen verha├čt sein m├╝├čte. "Mit mir ist es vorbei," dachte er. "Mit dem Notenschreiben, mit der Fl├Âte ist es vorbei. Niemand auf Erden bedarf meiner, niemand hat Mitleid mit mir."

Das Schneegest├Âber kreiste und spielte, ri├č die Wehen auf und sch├╝ttete sie wieder zu, nahm eine Schnees├Ąule in den Arm und tanzte mit ihr ├╝ber das Feld, wirbelte eine Flocke bis zu den Wolken empor und trieb eine andere tief in eine Grube hinein. "So geht es, so geht es," sagte der kleine Ruster, "solange man tanzt und umherwirbelt, ist es Spiel, wenn man aber in die Schneewehe hinunter soll, um dort eingebettet und vergessen zu werden, dann wird es Betr├╝bnis und Kummer." Doch hinunter m├╝ssen wir alle, und jetzt war die Reihe an ihm. Ja, jetzt war er am Ende. –

Er fragte nicht mehr, wohin der Knecht ihn bringe. Es war ihm, als fahre er in das Land des Todes hinein.

Der kleine Ruster verbrannte w├Ąhrend dieser Fahrt keine G├Âtter. Er verw├╝nschte weder das Fl├Âtenspiel noch das Kavalierleben, er dachte nicht, da├č es besser f├╝r ihn gewesen w├Ąre, wenn er den Acker gepfl├╝gt oder Schuhe besohlt h├Ątte. Doch dar├╝ber klagte er, da├č er jetzt ein ausgespieltes Instrument sei, von dem der Frohsinn keinen Gebrauch mehr machen k├Ânne. Er klagte niemand an, denn er wu├čte, da├č ein zersprungenes Waldhorn und eine Gitarre, die sich nicht mehr stimmen l├Ą├čt, fortgeworfen werden m├╝ssen. Er wurde auf einmal ein sehr dem├╝tiger Mensch. Er begriff, da├č es jetzt, am Heiligabend, mit ihm zu Ende gehen werde. Der Hunger oder die K├Ąlte w├╝rde ihn t├Âten, denn er verstand nichts, taugte zu nichts und hatte keine Freunde. Da h├Ąlt der Schlitten, und auf einmal ist es hell um ihn her, er h├Ârt freundliche Stimmen, wird in eine warme Stube gef├╝hrt, und jemand gibt ihm hei├čen Tee zu trinken. Der Pelz wird ihm ausgezogen, und mehrere Stimmen hei├čen ihn willkommen, w├Ąhrend warme H├Ąnde Leben in seine erstarrten Finger reiben. Er wurde von allem diesen so verwirrt, da├č es wohl eine Viertelstunde dauerte, ehe er sich wieder besinnen konnte. Er konnte gar nicht begreifen, da├č er sich wieder in L├Âfdala befand. Es war ihm gar nicht klar geworden, da├č der Knecht, des Umherfahrens im Schneegest├Âber ├╝berdr├╝ssig, nach Hause zur├╝ckgekehrt war.

Ebensowenig begriff er, weshalb er jetzt in Liljekronas Hause so freundlich empfangen wurde. Er konnte nicht wissen, da├č Liljekronas Gattin verstand, welch schwere Fahrt er an diesem Heiligabend gemacht, um an jeder T├╝r, an die er geklopft, abgewiesen zu werden. Sie empfand so gro├čes Mitleid mit ihm, da├č sie ihre eigene Sorge dar├╝ber verga├č. Liljekrona setzte drinnen in seinem Zimmer das wilde Spielen fort. Er wu├čte nicht, da├č Ruster wieder da war. Dieser sa├č unterdessen mit der Hausfrau und den Kindern im Saale. Das Gesinde, das dort am Heiligabend ebenfalls zu sein pflegte, hatte sich vor der tr├╝ben Stimmung, die drinnen bei der Herrschaft herrschte, in die K├╝che gefl├╝chtet.

Die Hausfrau stellte R├╝ster sofort an. "Ruster," sagte sie, "Er h├Ârt wohl, da├č Liljekrona den ganzen Abend nichts weiter tut als spielen. Ich mu├č das Decken ├╝ber- ├╝berwachen und nach dem Essen sehen. Die Kinder sind ganz allein. Er mu├č sich um die beiden Kleinsten k├╝mmern."

Kinder waren die Art Menschen, mit der Ruster am wenigsten verkehrt hatte. Er hatte sie weder im Kavalierfl├╝gel noch im Soldatenzelte, weder im Kruge noch auf der Landstra├če angetroffen. Er war beinahe bl├Âde vor ihnen und wu├čte nicht, was er sagen sollte, das fein genug f├╝r sie w├Ąre. Er zog die Fl├Âte hervor und lehrte sie auf L├Âchern und Klappen fingern. Es waren ein vierj├Ąhriger und ein sechsj├Ąhriger Knabe. Sie erhielten eine Lektion auf der Fl├Âte und schienen sich sehr daf├╝r zu interessieren. "Dies ist A," sagte Ruster, "und dies ist C." Und dann blies er die T├Âne. Da wollten die Kleinen wissen, was das f├╝r ein A und ein C sei, das gespielt werden sollte.

Ruster holte nun Notenpapier aus der Tasche und zeichnete ihnen beide Noten auf. "Nein," sagten sie, "das ist nicht richtig." Und sie liefen nach einem Abc-Buche.

Da begann der kleine Ruster ihnen das Alphabet zu verh├Âren. Sie konnten und konnten es nicht. Mit dem Wissen war es k├╝mmerlich bestellt. Ruster geriet in Eifer, nahm die Knaben auf je ein Knie und fing an sie zu unterrichten. Liljekronas Gattin, die aus- und einging, h├Ârte ganz erstaunt zu. Es klang wie Spiel, und die Kinder lachten immerfort, aber sie lernten. Ruster setzte den Unterricht eine Weile fort, doch er war nicht recht bei der Sache. Ihn besch├Ąftigten die alten Gedanken vom Schneetreiben drau├čen. Hier war es sch├Ân und gem├╝tlich, aber mit ihm war es ja doch vorbei. Er war verbraucht. Er w├╝rde fortgeworfen werden. Und pl├Âtzlich verbarg er das Gesicht in den H├Ąnden und begann zu weinen.

Liljekronas Gattin trat schnell zu ihm.

"Ruster," sagte sie, "ich kann verstehen, da├č Er glaubt, mit Ihm sei es aus. Mit der Musik geht es nicht mehr, und Er ruiniert sich mit dem Branntwein. Doch das Ende ist noch nicht da, Ruster."

"Doch," schluchzte der kleine Fl├Âtenspieler.

"Sieh Er, so bei den Kleinen sitzen wie heute abend, das w├Ąre etwas f├╝r Ihn. Wenn Er Kinder im Lesen und Schreiben unterrichtete, w├╝rde Er wieder ├╝berall willkommen sein. Das sind keine schlechteren Instrumente zum Spielen, Ruster, als Fl├Âte und Geige. Sieh Er sie an, Ruster!" Sie stellte die beiden Kleinen vor ihn hin, und er sah auf, blinzelnd, als habe er in die Sonne geblickt. Seinen kleinen, tr├╝ben Augen schien es schwer zu werden, den gro├čen, hellen, unschuldigen der Kinder zu begegnen.

"Sieh Er sie an, Ruster," ermutigte ihn Liljekronas Gattin.

"Ich wage es nicht," antwortete Ruster, dem es ein Fegefeuer war, durch die sch├Ânen Kinderaugen in die Sch├Ânheit der unbefleckten Seelen hineinzuschauen.

Da lachte Liljekronas Gattin laut und fr├Âhlich. "So soll Er sich daran gew├Âhnen, Ruster. Er kann dieses Jahr als Schulmeister in meinem Hause bleiben."

Liljekrona h├Ârte seine Gattin lachen und kam aus seinem Zimmer. "Was gibt's?" fragte er. "Was gibt's?"

"Nichts weiter", erwiderte sie, "als da├č Ruster wiedergekommen ist und ich ihn als Schulmeister f├╝r unsere kleinen Buben angenommen habe."

Liljekrona war ganz verdutzt. "Getraust du dich," sagte er, wagst du es? Hat er versprochen, das – zu lassen – ?"

"Nein," antwortete die Gattin, "Ruster hat nichts versprochen. Doch er wird sich vor vielem h├╝ten m├╝ssen, wenn er t├Ąglich den Kleinen in die Augen sehen soll. Wenn es nicht Weihnachten gewesen w├Ąre, h├Ątte ich es wohl nicht gewagt, doch wenn unser Herrgott es gewagt hat, ein kleines Kind, das noch dazu sein eigener Sohn war, unter uns S├╝nder zu versetzen, so kann auch ich mich wohl getrauen, meine Kleinen versuchen zu lassen, einen Menschen zu retten."

Liljekrona brachte kein Wort hervor, aber es zuckte in jeder Runzel seines Gesichtes, wie immer, wenn er etwas Gro├čartiges h├Ârte.

Dann k├╝├čte er seine Frau so unterw├╝rfig wie ein um Verzeihung bittendes Kind die Hand und rief laut: "Alle Kinder sollen herkommen und Mutter die Hand k├╝ssen!"

Das taten sie, und nachher wurde ein fr├Âhliches Weihnachtsfest in Liljekronas Heim gefeiert.

Selma Lagerl├Âf

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