­čĹ╝ Die Begegnung | Weihnachten | Adventgeschichte

­čĹ╝ Die Begegnung | Weihnachten  | Adventgeschichte

Ich habe mir neulich ein Weihnachtsmannkost├╝m bestellt. Die B├Ąume drau├čen trugen zwar noch ihr volles Bl├Ątterkleid. Doch man kann ja nie wissen. Haben ist besser als brauchen.
Bis Weihnachten war es noch ungef├Ąhr drei ein halb Monate hin, doch ich wollte halt auf Nummer sicher gehen.
Es dauerte nicht lange, da kam das kleine Paket an, und ich wollte sofort probieren, ob mir dieser Anzug passt. Meine kleine dreij├Ąhrige Tochter hielt ihren Mittagsschlaf und ich den Zeitpunkt f├╝r gekommen, das Paket zu ├Âffnen. Ich holte also Messer und Schere und ├Âffnete besagtes Paket. Alles war gut vorhanden. Wie in der Bestellung beschrieben. Die M├╝tze, der Mantel mit zus├Ątzlicher Kapuze (Da stehe ich ja drauf), eine Brille, ein gro├čer, gro├čer Rauschebart, ja sogar ein G├╝rtel, ein Jutesack und ein aufblasbarer Bauch war drinnen. Ich holte alles raus, legte es sauber auf den Tisch und begutachtete jedes einzelne St├╝ck f├╝r sich aufmerksam und akribisch. Alles war top in Ordnung. Gute Qualit├Ąt f├╝r einen guten Preis. Ich zog mir meine Jogginghose aus und zog stattdessen die Weihnachtsmann-Hose an. Oben rum war sie ein bisschen sehr weit, ich hatte allerdings noch den aufblasbaren Gummibauch, den ich mir auch sofort aufblies und umh├Ąngte. Stiefel hatte ich noch im Schrank. Gute schwarze, teure Lederstiefel, die ich bisher nur einmal getragen hatte. Alsbald legte ich mir den Bart an und setzte die M├╝tze auf. Dann zog ich den gro├čen schweren roten Pl├╝schmantel an. Noch die Brille auf und fertig war der Weihnachtsmann.

Irgendwo hatte ich sogar noch wei├če Handschuhe. Ich ging ins Schlafzimmer und schaute in die Schublade. Tats├Ąchlich, dort waren sie! Ich holte sie heraus und zog auch sie an. Alles f├╝hlte sich gut an. Es passte alles und mit Gummibauch sa├č es wie angegossen. Jetzt wollte ich es wissen. Irgendwo musste auch noch so eine kleine Hotel-Glocke sein, die ich mal habe auf eine meiner Reisen mitgehen lassen. Ich b├╝ckte mich, um an die unterste Schublade zu kommen, denn dort vermutete ich die Glocke. Mit Gummibauch gar nicht so leicht... Ich kramte und kramte und fand sie nicht.
Ich stand mit dem R├╝cken zur T├╝r. Aber das nur am Rande...
Ich suchte also und suchte und war ganz vertieft in meine Suche, dass ich gar nicht merkte, wie hinter mir etwas raschelte.
Eine T├╝r klappte leise zu.
Da! Da war die kleine Glocke! Erfreut holte ich sie heraus und begutachtete mich mit Glocke, Bart und Weihnachtsmannmantel von allen Seiten im Spiegel. Ich drehte und wendete mich, war ganz in diesem Eindruck des coolsten Weihnachtsmannes gefangen... und blieb abrupt stehen! Mein Blick erstarrte! Die Hand, welche die Glocke hielt, sank an die Hosennaht...
Erschrocken, ja starr vor Schreck, schaute ich durch den Spiegel zur T├╝r und direkt in zwei kleine, ebenso erschrockene Kinderaugen.
Stille. Zeitlos.
Nur der laue Sp├Ątsommerwind raschelte in den Wipfeln der drau├čen stehenden B├Ąume.
Ich schwitzte. Nicht nur wegen der 26° C im Schatten.
Langsam drehte ich mich um.
"Was machst du hier?" Das Kind hob streng eine Augenbraue.
Ich r├Ąusperte mich und stellte mich auf eine tiefere Stimme ein. Meine Tochter hatte mich tats├Ąchlich nicht erkannt. Also jedenfalls nicht den Vater in mir. Den Weihnachtsmann hatte sie sehr wohl erkannt und nun streng im Visier, denn Papa hatte ja neulich erst erz├Ąhlt, dass der gute Mann ja erst am Heiligen Abend kam, was noch ungef├Ąhr 60-90 mal Schlafen bedeutete. Wenn man den Mittagsschlaf mit ein rechnete, dann sogar doppelt so viel.
Und nun war er pl├Âtzlich da!
"Nun!"... stammelte ich... und entschied spontan, den Heiligen Abend vorzuverlegen, zumindest, was das Procedere anbelangte. "Wie hei├čt du denn, mein Kind?" Ich runzelte die Augenbrauen, damit die Schwierigkeit gr├Â├čer wurde, mich zu erkennen und beugte mich etwas zu ihr hinunter. Sie stand wie ein Fels und antwortete wahrheitsgetreu. Ja mehr noch: Die Namen ihrer Eltern nannte sie gleich mit. Auch ihr eigenes Alter und was es heute zum Mittag gegeben hatte. In ihrem Redefluss kam sie ganz nach ihrer Mama.

Ich lie├č sie ausreden und schwitzte.
"Und wei├čt du denn auch ein Weihnachtsgedicht oder ein Weihnachtslied?" Nun hob ICH eine Augenbraue.
Welches Kind singt schon im Hochsommer ein Weihnachtslied? In mir reifte ein Plan. Wenn sie jetzt nix singen konnte, dann sollte sie auf ihr Zimmer gehen und in ihren Weihnachtsb├╝chern kramen, ob sie etwas f├Ąnde. Derweil wollte ich mich geschwind umziehen und mir den Schwei├č aus den Stiefeln kippen. Wenn sie dann wieder k├Ąme mit irgendeinem Weihnachtskram, k├Ânnte ich sie dann auf ein Wiedersehen nach 60 –
90 Mal schlafen (mit Mittagsschlaf doppelt so viel) vertr├Âsten und w├Ąre wieder der gute alte Papa.
Sie stellte sich gerade hin und hub mit glockengleicher Stimme an:
"Leise pieselt das Reh..."
Ich erinnerte mich... an diverse Parties. Nicht zuletzt am vergangenen, berauschten Weihnachtsabend hatte ich eine Verballhornung auf das sch├Âne Traditionslied geschrieben und war ganz entz├╝ckt, dass es meine Tochter mit 2 ein halb Jahren schon einigerma├čen intonieren konnte.
"... in den wei├čen Schnee..."
Wie sie da stand! Ganz ohne Angst, doch total Ernst. ICH WAR DA! Mit dieser doch eigentlich fassungslosen Angelegenheit ging sie ganz gut um, fand ich.
"...h├Âr nur wie lieblich es knallt..."
Ich summte leise mit...
"...freu dich auf Rehr├╝cken bald..."
Ich strich ihr mit der linken Hand ├╝ber das K├Âpfchen.
"Das hast du ganz fein gemacht, mein Kind, Nun muss ich aber schnell wieder los zu den anderen Kindern! Wo ist eigentlich dein Papa?"
Da wurde ihr bewusst, dass sie ja die ganze Zeit allein mit dem Weihnachtsmann im Schlafzimmer ihrer Eltern stand und ein kaum wahrnehmbares Zittern ging ├╝ber das kleine Gesichtchen.
"Kann es sein, dass dein Papa vielleicht noch im Keller ist? Ich hab ihn da vorhin noch gesehen!"
Betreten und nun mehr traurig werdend, schaute sie mich an und nickte.
"Dann werde ich ihn mal holen gehen, ja? Bleib‘ du so lange hier oben und warte!"
Wieder nickte sie sehr ernst und betreten.
"Noch 60 – 90 mal Schlafen. Dann komme ich wieder!" hob ich einen wei├č behandschuhten Zeigefinger, drehte mich um, stapfte in den Keller und hoffte, dass mich der Nachbar nicht auch noch sah.

Holly Loose

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