Eine nachdenkliche ­čĄś Geschichte passend zum Thema Leben | Gefangenschaft | Ethik

Eine nachdenkliche ­čĄś Geschichte passend zum Thema Leben | Gefangenschaft | Ethik

Freiheit

Gedanken verschwendet er, als er aus dem Fenster sieht, die von Gitterst├Ąben gesch├╝tzt waren, um einen eventuellen Ausbruch zu vermeiden. Die Sonne scheint am Himmel und ein paar V├Âgel kreisen am Himmel und scheinen gut gelaunt und wohlgesonnen zu sein. Achtzehn Jahre waren vergangen, seit er in diesem Zimmer Tag f├╝r Tag sitzt, eingeschr├Ąnkt, mit dem kleinen Blick nach drau├čen. Manchmal h├Ârt er Stimmen von Menschen, die auf den Gehsteigen miteinander reden, lachen oder schimpfen. Es ist eine gewisse Sehnsucht, die er in sich tr├Ągt, die bald gestillt werden kann, von seinem Weg in die Freiheit, auf die er schon 18 Jahre lang wartete.

Und er wird nicht mehr so recht wissen, was er in Freiheit anstellen soll, wohin ihn der Weg f├╝hrt; Akten liegen auf, Akten, die von einer Tat schildern, die er vor achtzehn Jahren getan hat, die ihn reuen lassen, ihn n├Ąchtlich plagen, ihm Fragen aufwerfen, was ihn doch dazu bewegt hat, seine Geliebte einfach zu t├Âten. Es war ein einfacher Griff in einer Situation gewesen, wo er sich bei einem Streit nicht beherrschen konnte, wo er einfach zupackte, sie gar nicht mehr schreien h├Ârte, den Ausdruck ihrer erstarrten Augen vor sich sah und dennoch nicht mehr los lies.

Morgen kann und darf er seinen Platz im Gef├Ąngnis verlassen, er nimmt nur seine paar Sachen mit, seine Erinnerungen, die ihn noch immer plagen, Nacht f├╝r Nacht, auch wenn die M├╝he der Aufarbeitung da gewesen ist, seine Akte, die ihn nun als M├Ârder abstempelt, sein Wissen, seine Ausbildungen, die er w├Ąhrend der Zeit im Gef├Ąngnis absolviert hat. Ob diese ihm was n├╝tzen werden? Er wei├č es nicht. Die Familie hat ihn schon lange nicht mehr besucht, fr├╝her ein paar mal, aber er merkte sichtlich in deren Augen, dass es ein Zwang war, einfach eine gute Geste, den Sohn zu besuchen, der eine schlimme Tat begangen hatte. Vorw├╝rfe kamen immerhin, nicht nur von Seiten ihrer Familie, sondern auch von seiner. Was soll er nun mit seiner Freiheit anfangen? Es plagen ihn Unsicherheit und einige Schuldgef├╝hle, die er versuchte, abzulegen, mittels Therapie und ausgezeichneter F├╝hrung beim Aufenthalt im Gef├Ąngnis.

Er kann nicht einmal versprechen, ob er es nicht wieder tun w├╝rde. Er machte es in einer Situation, wo es ihm gar nicht bewusst war, was er anrichtete, er w├╝rde zum Einzelg├Ąnger werden, sich von den Menschen ausschlie├čen, aber er w├╝rde frei sein. Weg von dem kleinen, grauen Zimmer mit eisener T├╝r, die t├Ąglich ab 19 Uhr geschlossen wurde, dem kleinen Fenster mit den Gitterst├Ąben, das ihm einen Blick nach drau├čen gew├Ąhrte, den Stimmen, die er t├Ąglich h├Ârte, drau├čen auf der Stra├če, dem Hof, in dem er sich aufhielt und den aus vielen verschiedenen Gr├╝nden mitgefangenen T├Ątern, die ebenfalls wegen eines oder mehreren dummen Fehlers auf ihre Freiheit verzichteten.

War er ja noch jung gewesen, als er die Tat begangen hatte, gerade ein paar Monate nach seinem neunzehnten Geburtstag eskalierte der Streit mit seiner Freundin. Eine ganz dumme, kleinliche, unbedeutende Meinungsverschiedenheit l├Âste in ihm etwas so gro├čes aus, dass ihr ewig die Freiheit nahm, dass sie die Augen schloss und nicht wieder ins Leben zur├╝ck kam. Und er fragt sich nun selbst, ob er denn auch frei war? Ob er nicht auch einem gewissen Zwang erlag, dass er die St├Ąbe an den Fenstern einfach nicht gesehen hatte, die er sein ganzes Leben lang trug und ob er sie jemals ablegen k├Ânne, die Fesseln, die er vor dem Gef├Ąngnis hatte und nicht einmal bemerkte. Was macht es denn schon aus, die Gitter vor einem zu sehen, bewusst wahr zu nehmen, dass er im eigenen Schatten gefangen ist und nun in einem Geb├Ąude mit Sicherheitspersonal und Gitterst├Ąben sitzt oder ob er unbewusst an Fesseln gelegt dem Zwang anerzogenem Verhalten befindet? Und nach dem Aufenthalt der Jahre, wo er aus dem kleinen Fenster die vier Jahreszeiten, mal Sonne, mal Regen, mal Wind, mal Schnee sehen durfte, wird bald vor├╝ber sein und was ist dann? Die endlose Freiheit aus den Gem├Ąuern in einen n├Ąchsten Trakt der selbst aufgelegten Fessel, die er mit dieser Tat f├╝r immer im Leben tragen w├╝rde.

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Es h├Ątte die M├Âglichkeit gegeben, dass er Brieffreundschaften kn├╝pft, zu Damen, die seine triebhaften Reize gestillt h├Ątten, doch nie h├Ątte er es in Erw├Ągung ziehen k├Ânnen, wieder eine Beziehung anzufangen. Lieber distanziert er sich von solchen Gedankeng├Ąngen, den Reiz einer Frau in seiner N├Ąhe zu haben, geschweige denn, lediglich mit ihr zu schreiben. Er konnte es nicht verantworten, traute sich selbst nicht mehr, war hoffnungslos gefangen, selbst wenn er morgen frei sein w├╝rde. Seine Hand diente nicht nur dem Schreiben, sondern auch der Befriedigung seiner Lust, die ihm seine Sehns├╝chte einigerma├čen stillte. Sein Hirn erinnerte sich an jene Momente, die er als Jugendlicher, als junger Mann genoss, als er seine Geliebte neben ihm versp├╝rte und seine Augen wanderten stets in Zeitschriften, die er ab und an von W├Ąrtern bekam um seine Lust zu stillen, die ihm die Natur gegeben hat. Was war schon Freiheit und was ist Freiheit? Er wei├č mit den Gedanken nichts anzufangen und zweifelt beinahe daran. Was wird ihm der Tag morgen bringen? Was die n├Ąchsten Tage seiner wohlverdienten Freiheit. Der Richter entschied damals, aus gutem Recht, er verstand den Herrn gut, nahm sein Urteil hin und die T├╝ren schlossen sich. Und jetzt? Jetzt war er betreut worden, psychologisch, hatte Ausbildungen genossen, um seine Strafe doch mit Sinn abzusitzen, hatte eine gute F├╝hrung, fand sich nur in seinen Tr├Ąumen als Bestie wieder, die ihm den Schwei├č bescherten, aufwachen lie├čen, damit er erkannte, dass alles nur ein Traum war. Nur damals, wo er sich w├╝nschte, dass es einfach ein Traum war, ein verdammter Traum, von dem er eines Tages erwachen w├╝rde, damals war alles wahr, real, greifbar und erdr├╝ckend. Mit zwei H├Ąnden, die Gott ihm zum Arbeiten gegeben hatten, zum Essen und Trinken, zum Schreiben und all die anst├Ąndigen Dinge, die jeder Mensch im Leben macht oder vielleicht auch ein paar unanst├Ąndige, f├╝r die Gesellschaft schweigende und geheimnisvolle Tat, aber doch nicht so unanst├Ąndig wie das zudr├╝cken einer menschlichen Kehle, die f├╝r immer die Augen des anderen schloss. Er betrachtet seine H├Ąnde, seine Adern auf seinem Handr├╝cken und kniff die Augen zu. Morgen w├╝rde er frei sein, w├╝rde sich einen Job suchen, mit Hilfe seines Begleiters, der ihm stets unterst├╝tzte, riet, was zu tun ist, Optimismus zu sprach und er die guten Ratschl├Ąge akzeptierte, als w├Ąren sie die vom eigenen Vater, der ihn nicht mehr sehen wollte, als Sohn verweigerte, sich seiner sch├Ąmte.

Ab morgen w├╝rde er eine Wohnung beziehen, die ihm zur Verf├╝gung gestellt wird, die einen kleinen Beitrag seiner Einnahmen forderte, zur ├ťberbr├╝ckung, bis er wieder im Leben stand, in einem Leben wo er frei sein sollte. Und wieder stellte er sich die Frage, was Freiheit ist. Als Kind genoss er, abgesehen von ein paar v├Ąterlichen Schl├Ągen mit dem G├╝rtel und sehr vielen verbalen Misshandlungen eine Freiheit, die er im jugendlichen Alter wieder anders genoss. Flausen im Kopf eines Jungen, die in der Erinnerung eines von Erlebnissen gepr├Ągten Mannes normalerweise ein L├Ącheln versetzten, ist im Nebel dessen Erinnerung versunken, was er mit seinen H├Ąnden angerichtet hatte. Und dieses Bild war nach achtzehn Jahren noch immer so scharf zu erkennen, wie am ersten Tag, als er noch sah, wie die Augen seiner Geliebten erstarrten, wie sie nach Luft rang, mit ihren H├Ąnden versuchte sich zu wehren und doch keine Chance gegen den jungen, starken Mann hatte. Er sah seine Finger an, als w├Ąren sie fremde, angeheftet auf seiner Hand, diese an seinen K├Ârper und am liebsten h├Ątte er sie damals abgeschlagen. Voller Hass auf sich selbst, der sich nach achtzehn Jahren nur ged├Ąmpft legte, starrt er nun darauf. Nein, die Zeit zur├╝ckdrehen konnte er nicht, konnte niemand mehr. Nicht einmal die Reporter der Zeitung, die dieses Spektakel als Fressen f├╝r die Hy├Ąnen darlegte, mit so viel W├╝rze, dass es beim Lesen besser schmeckte, um das rohe Fleisch zu bergen, wie es wirklich war. Ohne Kommentar von ihm selbst, ohne dass er sich verteidigen konnte, nein er wollte sich nicht einmal verteidigen, wollte einfach abschalten, weg, kein Grund mehr in Freiheit zu leben. Sein Gesichtsausdruck ist erstarrt, bei Witzen von Mith├Ąftlingen l├Ąchelte er und lachte, aber ob ihn der Witz wirklich auch ber├╝hrte, wusste er selbst nicht mehr. Das sch├Âne Wetter war nur mehr eine Leinwand, die einfach da hing und ihm ein Bild des Lebens vermittelt. Irgendwann w├╝rde die Leinwand sowieso ausgetauscht werden, zu Wolkenbr├╝chen, Regen oder Wind oder Schnee. Eine Ver├Ąnderung von Tag zu Tag, nichts blieb gleich nur die Erinnerung an die eine Stunde, wo er nicht einmal wusste, wie lange dieser Zeitpunkt wirklich dauerte.

Und morgen w├╝rde er versuchen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren, mit einer Hilfe von einem Menschen, der sich f├╝r T├Ąter wie ihn einsetzt, aus welchen Gr├╝nden auch immer dieser Mensch diesen Beruf gew├Ąhlt hatte. Es wird nicht leicht sein, einfach aus dem Gef├Ąngnis raus zu marschieren und so tun, als w├Ąre alles gut. Bei der Jobsuche w├╝rden Blicke fallen, die urteilen, die verunsichern und vielleicht auch ├Ąngstliche Blicke, die nicht wissen wollen oder k├Ânnen, ob denn nicht das gleiche noch einmal passiert und wieder denkt er, dass er es nicht einmal sagen k├Ânne, ob er es noch einmal tun w├╝rde. Sein Auftreten war ansehnlich, gepflegt und selbstbewusst. Doch ob er auch wirklich selbstbewusst war, sei dahingestellt. Ein Kram voller Angst und Schuldbewusstsein f├╝llte zum Teil seine Seele, die er nur durch Aktionen beruhigen konnte, durch t├Ągliches Tun, ablenken durch seine Ausbildungen und Unterhaltungen. In der Nacht, wenn alles still war, alles ruhte, schreit seine Seele, gefangen in dieser Erinnerung. Und er versucht sie stets zu befreien, aus der Erinnerung, die ihn plagt. Morgen wird sein K├Ârper frei sein und seine Seele in Gefangenschaft der Erinnerung und der Blicke einiger Menschen, vielleicht auch Aussagen, Andeutungen und Analysen oder Interpretationen. Menschen k├Ânnen sehr schnell urteilen, manches Mal gar nicht beabsichtigt, sondern einfach durch das Resultat von vergangenem. Und Vergangenes sollte doch vergessen sein, es war und wird nimmer so sein, sondern anders. Nein, es war und es ist immer noch, in der Erinnerung, in seinem Kopf, in seinem Hirn, dass er nicht einfach abschalten kann. Die Vergangenheit ist kein Gestern, auch kein Morgen, aber sie begleitet und es ist von gro├čem Wert, zu schaffen, Erinnerungen einfach ausl├Âschen zu k├Ânnen. Wie es andere schaffen, wei├č er nicht, er hat ja schon die G├╝rtelschl├Ąge vergessen, den Alkohol seiner Mutter, die stets betrunken am K├╝chentisch sa├č, wenn Schlafenszeit war, die Worte seines Vaters, was er nicht f├╝r einen Sohn habe, einen Taugenichts, f├╝r nichts zu gebrauchen. Seine schulischen Leistungen, die nicht minder gut waren als sein Essen, dass er t├Ąglich in der Schulkantine einnahm. Diese Erinnerungen sind nicht unbedingt f├╝r ihn von gro├čer Bedeutung, verstand er das Handeln der Eltern, hatten sie ihn dennoch gern, aber sich selbst einfach nicht. Und wof├╝r sollte er dann noch Schuld zu sprechen, wenn er eine Tat begangen hatte, die noch viel schlimmer war als alle anderen Taten der Welt. Er denkt an Soldaten, die aus Notwehr verteidigen, um frei sein zu k├Ânnen, Menschenleben opfern und auch nachts nicht schlafen k├Ânnen, wegen ihrer Tat, wegen ihrem Auftrag oder ihres Selbstschutzes. Es gibt viele Taten, aber durch einen kleinen Streit, der beinahe schon t├Ąglich basierte, seine H├Ąnde in Gebrauch zu nehmen um den Tod herbei zu holen, dass ein anderer unschuldiger Mensch von ihm abgeholt werden konnte; diese Erinnerung ist einfach nicht auszul├Âschen, besucht ihn Nacht f├╝r Nacht.

In Freiheit w├╝rde vielleicht alles anders sein, regelm├Ąssig in die Arbeit zu schlendern, Kontakt zu Kollegen, braven B├╝rgern aufzubauen, um wieder in Kommunikation treten zu k├Ânnen, Weihnachten zu feiern und wieder richtiges Essen genie├čen zu k├Ânnen, vielleicht ein Schl├╝ckchen Wein oder gar eine ganze Flasche. Die ├ťberlegung bringt ihn zu seiner Mutter, eine anst├Ąndige Frau, t├Ąglich f├╝r die Familie geschuftet und abends in der Flasche versunken, die sie bet├Ąuben lies, ihre Freiheit die sie doch hatte, in Zwang brachte. Ihre Familie war nicht die beste, der Alkohol ihr bester Freund. Der Vater, der t├Ąglich auf der Baustelle seine Arbeit verrichtete, der stets gelobt wurde f├╝r seine hervorragende Leistungen und dann Ruhe im Hause suchte und wenn er sie nicht bekam, obgleich es seine Seele war, die st├Ąndig schrie und seine Erinnerungen er mit Schl├Ągen an Kinder und Frau beruhigte, aber immer nur f├╝r kurze Momente, denn es kam immer wieder auf, seine Seele, die ihm schrie. Und nun hat er einen verlorenen Sohn, der zu so unberechenbarer Tat f├Ąhig war, die ihm keiner zugetraut h├Ątte. Mutter und Gro├čmutter hatten geweint, des ├Âfteren besucht, wie auch seine kleine Schwester, aber die Besuche wurden weniger, immer weniger, hatten sie ein eigenes Leben und das Gef├Ąngnis war nicht ein Krankenhaus, wo man Opfer besucht, sondern die T├Ąter, die sich in diesem Hause selbst wie Opfer f├╝hlen, wie Opfer, deren Erinnerung der T├Ąter war.

Und morgen w├╝rde er wohl frei sein, von seinen Gitterst├Ąben, vielleicht konnte er sich einmal einen Urlaub leisten, an einen Strand fahren, das Wasser auf seiner Haut sp├╝ren, nicht diese sch├Ąbigen Duschkabinen. Nein, er w├╝rde am ersten Tag in seiner Wohnung eine Dusche nehmen, gar nicht mehr raus wollen, aus dem Wasserstrahl, der ihn reinigen w├╝rde. Er w├╝rde durch die Stra├čen wandern, Menschen beobachten, die ewig als gute B├╝rger in Freiheit verbracht hatten, die vielleicht unbewusst gefangen in Beziehungen sind, in Erinnerungen an eine Kindheit, auf ungem├╝tlichen Posten der Arbeitswelt, in der sie versuchen Freiheit zu erlangen, sich behaupten zu k├Ânnen und doch beherrschen m├╝ssten. Er w├╝rde versuchen, in den Gesichtern zu erkennen, ob auch sie in Erinnerung gefangen sind, obgleich in unterschiedlichen Formen und f├╝r die Gesellschaft anerkannten Gefangenschaften, wie Opferrollen, die manche Situationen hervorholen, in offensichtlicher Freiheit stattfinden.

Er w├╝rde einkaufen gehen, die Verk├Ąufer beobachten, ihre Reaktionen und sie w├╝rden nicht einmal wissen, zu welcher Tat Menschen f├Ąhig sind, die zu vor in sittlicher Ordnung gelebt hatten. Und er w├╝rde bei jedem Wetter unten im Park auf einer Bank sitzen, den Stimmen lauschen, die er auch jetzt h├Ârte, manchmal leiser, manchmal etwas lauter in sein kleines Zimmer dringend.

Doch, er hatte schon einige Ziele, die ihn etwas von seiner Erinnerung abbringen. Recht viel strukturieren konnte er nicht, lediglich f├╝r die nahe Zukunft einplanen, was jedoch die weitere Zukunft bringen m├Âge, dessen war er sich noch nicht bewusst, wollte sich noch keine Gedanken dar├╝ber machen. Er w├╝rde nat├╝rlich seinen Zw├Ąngen und Angstneurosen immer wieder die Chance geben, hoch zu kommen, vermehrt Abstand zu anderen Menschen gewinnen und sich doch nach Kontakt sehnen. Ein Widerspruch, dessen er sich sehr wohl bewusst war. Andere w├╝rden ihn als krank bezeichnen, vielleicht w├╝rde er Menschen kennen lernen, die ihn sch├Ątzen, obgleich seiner Vergangenheit und sie w├╝rden ihn mit Rat beiseite stehen. Als Helfer, manchmal ob er will oder ob er auch nicht will. Und manche Reden w├╝rden an ihn vorbeigehen, w├╝rde er nicht h├Âren oder annehmen, sondern einfach reden lassen und nicken. Er war sowieso ein stiller Mensch geworden, ganz anders als noch vor seiner Gefangenschaft. Da war er lebhaft, hatte sehr viel gelacht und war viel unterwegs. Ein Streitgrund in seiner Beziehung. Ihn konnte man nicht einfach so halten, er war ├╝berall dabei, hatte sehr viele Freunde. Viele Streiche blieben nicht nur in seinem Kopf sondern manifestierten sich, zum ├ärger gewisser Nachbarn oder Menschen, die schw├Ącher waren als er. Und er musste eingestehen, dass seine Geliebte stets mit recht schimpfte, er wollte, konnte es nicht wahrnehmen, war ein junger Wolf, auf der Suche nach Frischfleisch, das seinen Trieb beruhigte, im Gegenzug mit der Erwartungshaltung seiner Freundin, seinem Herzensst├╝ck, seiner Geborgenheit, dass sie zu Hause war, sp├Ąter f├╝r Kind und ihn sorgte, aber das waren Pl├Ąne in die weitere Zukunft gewesen, die er mit seinen beiden H├Ąnden in einer Gegenwartsform ausl├Âschte.

Wenn jemand nur einen kurzen Augenblick seine Seele verstehen k├Ânnte, diese Gefangenschaft, die nach Freiheit suchte, obgleich welche Vergangenheit diese Seele begleitete, dann w├╝rde er einfach nur mit diesem Menschen zusammen sitzen wollen, ohne zu reden, ohne zu erz├Ąhlen, welche Vergangenheit, welche Erinnerung ihn plagte, sondern einfach durch einen kurzen Austausch der Ber├╝hrung in der Stille eine gewisse Art von Freiheit finden, eine Gemeinsamkeit, die frei von den Fesseln macht und diese irgendwann wieder aufgelegt werden.

Und einige vergraben ihre eigene Freiheit unter dem Tun und Handeln von Urteilen, Entscheidungen, die andere Menschen betreffen, obgleich von Leben l├Âsen oder von Kritiken, die objektiv zu sein scheinen. Was ist Objektivit├Ąt? Er schaut auf das Bett, das aus Eisen besteht, gr├╝nlich bestrichen, wo schon etwas Farbe abbl├Ąttert und das er am fr├╝hen Morgen ordentlich gemacht hat. Die Matratze selbst ist auch schon etwas zugesetzt, einige L├Âcher befinden sich darin, er m├Âchte nicht wissen, wie alt diese schon ist; es ist auch relativ, Hauptsache war und ist doch, dass er einen guten Schlafplatz hatte. Der Richter setzte ein objektives Urteil auf, in der Meinung, keine Gef├╝hle in seine T├Ątigkeit bringen zu k├Ânnen.

Die Matratze selbst, die da liegt, einfach um gerade Objektiv seines Auges zu werden hat nur einen einzigen Nutzen, ihm zu dienen, als Schlafplatz, sein ganzes Gewicht liegt auf dieser und vielleicht ist auch schon vor ihm jemand auf dieser gelegen, vielleicht mit mehr Gewicht oder weniger, die Matratze darf dazu keine Meinung abgeben, sich entscheiden, ob sie will oder nicht, es ist einfach eine Matratze, ein Objekt, das kein Urteil mit sich tr├Ągt.

├ťber objektive Menschen w├╝rde er sich freuen, sie w├╝rden kein Urteil abgeben, sondern lediglich objektive Sichtweisen mit sich f├╝hren. Und er gesteht sich selbst ein, dass er es nie schaffen k├Ânnte, objektiv zu urteilen. Seine Sichtweise ist irgendwie stets subjektiv gewesen, manches Mal bildete er sich ein, er habe objektiv gehandelt, in den achtzehn Jahren und als er reflektierte, merkte er wiederum, dass diese Handlung doch subjektiv war. Diese Reflektionen, diese Analysen, manches Mal ist es doch besser, man wei├č davon nichts, man kennt diese Ausdrucksformen nicht, denkt einfach nicht nach, bei jeder Kleinigkeit, bei jeder Tatsache. Er ├Ąrgert sich und freut sich zugleich. Er ├Ąrgert sich ├╝ber seine Freiheit und freut sich darauf. Ein seltenes Gef├╝hl, als w├╝rde er mit sich selbst k├Ąmpfen, um wissen zu wollen, welche Empfindung er denn nun hat. Und er schafft es nicht, sich zwischen ├ärger und Freude zu entscheiden, sondern lediglich, dass ihm Schrittweise Gedanken in den Kopf dr├Ąngen, Fragen, was wohl in seiner Freiheit passieren wird und was Freiheit wirklich ist?

Auf jeden Fall wird es anders sein, anders als dass sein K├Ârper hinter Gitterst├Ąben gefangen ist. Anders als das t├Ągliche Ritual der Morgenwache, des Praktizierens der Ausbildungen und der Sparzierg├Ąnge im Hof mit ein paar Ausg├Ąngen, die die gr├Â├čte Freude von den H├Ąftlingen war. Es wird anders sein, als im Gef├Ąngnis, ein anderes Ritual, ein selbst entscheiden, wie er die T-Shirts zusammenlegte und Ordnung halten w├╝rde, wie er sein Bett macht und wann er aufsteht.

Oder ist es lediglich die Art des Rituals, welche sich ├Ąndert? Morgens der Unterschied der Uhrzeit, die ihm sagt, wann er aufstehen und zur Arbeit gehen muss. Das Ritual seiner Zufriedenheit, wie seine Wohnung aussieht, in welchem Zustand er sie jeden Morgen zur├╝cklassen wird? Und die Spazierg├Ąnge im Park, die dem Hof nicht im geringsten ├Ąhneln, keine Mauern um sich hat, aber doch eine Grenze, wo er nicht hinaus gehen k├Ânnte, au├čer mit einem Schiff und einem Reisepass, den er sich noch nicht leisten kann. Ist das Gef├Ąngnis f├╝r ihn eine kleine Welt gewesen? Mit Ritualen, Ordnung und Disziplin? Wie ist es in der gro├čen, weiten Welt? Er war als junger Mann so unb├Ąndig gewesen, ist jedoch m├╝der geworden, ruhiger und seine Lebhaftigkeit hat sich ged├Ąmpft. Ein L├Âwe, der zu einer Hauskatze geworden ist, mit ein paar Merkmalen, wie ein Tatoo auf seiner Schulter, dass einen Drachen zeigt, den er sich einmal machen lassen hatte, der als Statussymbol diente, f├╝r seinen Charakter, sein Charisma.

Und die Freude ab morgen werden vielleicht nicht mehr die Ausg├Ąnge sein, die er hin und wieder im Gef├Ąngnis erleben durfte. Es werden andere freudige Momente sein, kleine, wie Weihnachten mit einem frisch gebackenen Karpfen und gutem Salat dazu oder die leuchtenden Augen von Kindern vor den Schaufenstern, die noch im Glauben sind, dass es Engel, den Osterhasen und das Christkind gibt. Er wird darauf achten, dass er die Kleinigkeiten bemerkt, vielleicht kann er wieder zu l├Ącheln beginnen, nicht seine Mundwinkel, die lediglich von den Muskeln angetrieben werden, es zu tun, sondern seine Seele, die Momente in sich aufnehmen darf, die als Futter der Freude dienen. Und kleinleise wird die Erinnerung beigeben, die Hoffnung auf diese Freiheit ist alles, was er besitzt. Egal, wie viele Kleidungsst├╝cke er besitzt, es ist nicht wenig, aber auch nicht viel und wie viel Geld er hat, es ist alles relativ. Auf die Hoffnung setzt er am meisten, die ihn vielleicht die Freiheit seiner Seele wieder gibt. Und eines Tages wird auch ihn der Tod besuchen, wird sagen, dass es Zeit f├╝r ihn ist zu gehen und er wird die Erinnerung endg├╝ltig zur├╝cklassen, kurz auf seine H├Ąnde sehen und l├Ącheln.
(Umo)

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