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Der Mann auf der Insel

Eine kurze Geschichte über Glück und Pech: Der Mann auf der Insel


Es lebte einmal ein Mann auf einer kleinen Insel.

Eines Tages spürte er, dass die Insel unter ihm zitterte.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Aber als die Insel zu zittern aufhörte, beschloss er, erst einmal abzuwarten.

Wenig später brach ein Stück der Küste und fiel tosend ins Meer. Der Mann war beunruhigt.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Da er aber auch gut ohne das Stück leben konnte, beschloss er, weiter abzuwarten.

Kurz danach fiel ein zweites Stück seiner Insel ins Meer. Der Mann erschrak nun heftiger.
“Sollte ich vielleicht etwas tun?” dachte er. Doch als nichts weiter passierte, beschloss er, abzuwarten.
“Bis jetzt” sagte er sich, “ist ja alles gut gegangen.”

Es dauerte nicht lange, da versank die ganze Insel im Meer und mit ihr der Mann, der sie bewohnt hatte.
“Vielleicht hätte ich doch etwas tun sollen.” war sein letzter Gedanke, bevor er ertrank.

Nach Franz Hohler (u.v.a. Träger des Alice-Salomon-Poetik-Preises 2014)

Zwei Wölfe - eine kurze Geschichte über inneren Kampf

Zwei Wölfe - eine kurze Geschichte über inneren Kampf


Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Die Nacht hatte sich über das Land gesenkt und das Feuer knackte und krachte, während die Flammen hoch hinaus in den Himmel züngelten.

Nach einer langen Weile des Schweigens sagte der Alte zu seinem Enkel : "Weißt du, manchmal fühle ich mich, als wenn zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend."

"Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?" fragte der Junge.

"Der Wolf, den ich füttere." antwortete der Alte.

Verfasser unbekannt

Ein sehr schönes Gedicht über das Leben

Ein sehr schönes Gedicht über das Leben

Zuerst wollte ich das Leben erobern,
aber es besiegte mich.

Dann versuchte ich das Leben zu ergründen,
aber ich verlor mich in seiner Unendlichkeit.

Schließlich meinte ich,
man müßte das Leben sorgfältig einteilen,
aber es entzog sich mir.

Dann endlich, zögernd und unbeholfen,
versuchte ich, das Leben zu lieben.

Da umarmte es mich
mit überwältigender Freude!

Unbekannt

Fünf aus einer Hülse - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Fünf aus einer Hülse - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Es waren einmal fünf Erbsen in einer Hülse; sie waren grün und die Hülse war auch grün, und deshalb glaubten sie, die ganze Welt sei grün, und das war ganz richtig. Die Hülse wuchs und die Erbsen wuchsen; sie streckten sich eben nach ihrer Decke. – Alle standen schön in einer Reihe. –

Die Sonne schien draußen und wärmte die Hülse, und der Regen wusch sie sauber. Es war warm und gut da drinnen, hell am Tage und dunkel in der Nacht, eben wie es sein sollte, und die Erbsen wurden größer und immer nachdenklicher, wie sie so saßen, denn etwas mußten sie ja auch zu tun haben.

"Soll ich hier immer so sitzen bleiben?" fragten sie. "Wenn ich nur nicht hart von dem langen Sitzen werde! Ist es nicht gleichsam, als ob es auch draußen etwas gäbe; ich habe so eine Ahnung."

Und Wochen vergingen; die Erbsen wurden gelb und die Hülse wurde gelb. "Die ganze Welt wird gelb," sagten sie, und das durften sie wohl sagen.

Plötzlich verspürten sie einen Ruck an der Hülse; sie wurde abgerissen, kam in Menschenhände und dann mit mehreren anderen Erbsenhülsen in eine Rocktasche hinein. – "Nun wird uns bald aufgeschlossen werden!" sagten sie und warteten voller Spannung darauf.

"Nun möchte ich nur wissen, wer von uns es am weitesten bringt!" sagte die kleinste Erbse. "Ja, das wird sich nun bald zeigen!"

"Geschehe, was da wolle!" sagte die größte.

"Krach" da platzte die Hülse und alle fünf Erbsen rollten in den hellen Sonnenschein hinaus; sie lagen in einer Kinderhand, ein kleiner Knabe hielt sie fest und sagte, sie seien schöne Erbsen für seine Knallbüchse. Und gleich wurde eine Erbse in die Büchse gesteckt und weggeschossen.

"Nun fliege ich in die weite Welt hinaus. Halt mich, wenn Du kannst!" und dann war sie fort.

"Ich," sagte die zweite, "fliege gleich mitten in die Sonne, das ist gerade die passende Hülse für mich."

Weg war sie.

"Wir schlafen, wohin wir auch kommen!" sagten die beiden nächsten; "aber wir werden schon vorwärts kommen." Und dann rollten sie zuerst auf den Fußboden, ehe sie in die Knallbüchse kamen, aber hinein kamen sie. "Wir bringen es am weitesten."

"Geschehe, was da wolle" sagte die letzte und wurde in die Luft geschossen. Und sie flog auf das alte Brett unter dem Dachkammerfenster, gerade in einen Spalt hinein, der mit Moos und hineingewehter Erde gefüllt war; und das Moos schloß sich über ihr. Dort lag sie verborgen, aber nicht von Gott vergessen.

"Geschehe, was da wolle!" sagte sie.

In der kleinen Dachkammer wohnte eine arme Frau, die am Tage Öfen putzen, ja sogar Holz spalten ging und schwere Arbeit verrichten mußte, denn Kräfte hatte sie und fleißig war sie auch, aber sie blieb arm. Und zuhause in der kleinen Kammer lag ihre halberwachsene einzige Tochter, sie war ganz fein und zart; ein ganzes Jahr hatte sie nun im Bette gelegen und schien weder leben noch sterben zu können.

"Sie geht zu ihrer kleinen Schwester" sagte die Frau. "Ich hatte nur die zwei Kinder, und es war schwer genug für mich, für beide zu sorgen. Aber da teilte der liebe Gott mit mir und nahm die eine zu sich. Nun möchte ich freilich die andere gern behalten, die mir geblieben ist, aber er will vielleicht nicht, daß sie getrennt sind, und sie wird zu ihrer kleinen Schwester hinaufgehen."

Aber das kranke Mädchen blieb; und geduldig und still lag sie den ganzen Tag, während die Mutter fort war, um Geld zu verdienen.

Es war um die Frühjahrszeit und noch frühe am Morgen, gerade als die Mutter zur Arbeit gehen wollte, Die Sonne schien so schön in das kleine Fenster hinein, und das kranke Mädchen blickte durch die unterste Glasscheibe hinaus.

"Was mag nur das Grüne sein, was dort durch die Scheibe hereinguckt? Es bewegt sich im Winde."

Und die Mutter ging ans Fenster und öffnete es ein wenig. "Ach!" sagte sie, "das ist ja eine kleine Erbse, die da mit ihren grünen Blättchen heraussprießt. Wie kommt sie nur in die Spalte? Da hast Du ja einen kleinen Garten zum Anschauen."

Das Bett der Kranken wurde näher ans Fenster gerückt, damit sie die sprossende Erbse sehen konnte, und die Mutter ging zur Arbeit.

"Mutter, ich glaube, ich werde gesund!" sagte am Abend das kleine Mädchen. "Die Sonne hat heute so warm zu mir herein geschienen. Die kleine Erbse wächst so hübsch. Und ich werde sicherlich auch wachsen und wieder aufstehen und in den Sonnenschein hinauskönnen!"

"Wollte Gott, es wäre so" sagte die Mutter, aber sie glaubte nicht daran. Doch der kleinen Pflanze, das ihrem Kinde frohe Lebensgedanken eingeflößt hatte, gab sie ein Hölzchen an die Seite, damit sie nicht vom Winde geknickt werden könne. Sie band einen Bindfaden am Brett fest und zog ihn hinauf bis an den Fensterrahmen, damit die Erbsenranke etwas habe, woran sie sich festhalten und emporranken könne, wenn sie wüchse. Und das tat sie auch. Jeden Tag konnte man sehen, wie sie wuchs.

"Nein, sie bekommt ja sogar Blüten" sagte die Frau eines Morgens, und nun bekam auch sie Hoffnung und Glauben, daß ihr kleines krankes Mädchen wieder gesund würde. Es kam ihr in den Sinn, daß das Kind in letzter Zeit lebhafter gesprochen hatte, am vergangenen Morgen hatte es sich sogar selbst im Bette aufgerichtet und dagesessen und mit strahlenden Augen ihren kleinen Erbsengarten mit der einen einzigen Erbse darin angesehen. In einer Woche darauf war die Kranke zum ersten Male über eine Stunde auf. Glückselig saß sie im warmen Sonnenschein; das Fenster war geöffnet und draußen stand eine weißrote Erbsenblüte völlig aufgebrochen. Das kleine Mädchen neigte ihren Kopf nieder und küßte ganz leise die feinen Blättchen. Dieser Tag war für sie gleichsam ein Festtag.

"Der liebe Gott hat sie selbst gepflanzt und sie treiben lassen, um uns Hoffnung und Freude für Dich zu geben, mein liebes Kind, und für mich mit" sagte die frohe Mutter und lächelte der Blume zu, wie einem Engel, den Gott zu ihr geschickt hatte.

Aber nun zu den anderen Erbsen, – ja, die, die in die weite Welt hinausgeflogen war: "Halte mich, wenn Du kannst!" fiel in die Dachrinne und kam in einen Taubenkropf; dort lag sie wie Jonas im Walfisch. Die zwei Faulen brachten es ebenso weit, sie wurden auch von den Tauben verspeist, und dadurch brachten sie einen soliden Nutzen; aber die vierte, die in die Sonne hinauf wollte, die fiel in den Rinnstein und lag dort Wochen und Tage im schmutzigen Wasser, wo sie richtig aufquoll.

"Ich werde so furchtbar dick" sagte die Erbse. "Ich werde noch platzen, und weiter, glaube ich, kann es keine Erbse bringen und hat es wohl auch nie eine gebracht!"

Und der Rinnstein hielt es mit ihrer Ansicht.

Aber das junge Mädchen stand am Dachfenster mit leuchtenden Augen und dem Glanze der Gesundheit auf den Wangen, und sie faltete ihre feinen Hände über der Erbsenblüte und dankte Gott dafür.

"Ich halte es mit meiner Erbse," sagte der Rinnstein.

Hans Christian Andersen

Das Judenmädchen - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Das Judenmädchen - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Unter den anderen Kindern in der Armenschule war auch ein kleines Judenmädchen, aufgeweckt und gut, die flinkeste unter allen; aber an einer der Lehrstunden konnte sie nicht teilnehmen, das war die Religionsstunde, sie war ja in einer christlichen Schule.

Sie durfte ihr Geografiebuch vor sich haben und darin lesen oder ihre Rechenaufgaben fertig machen, aber das war bald getan. Es lag wohl ein Buch aufgeschlagen vor ihr, aber sie las nicht darin, sie saß und hörte zu, und bald bemerkte der Lehrer, daß sie seinen Worten folgte, wie fast keines der anderen Kinder.

"Lies in Deinem Buche!" sagte er mild und ernst, aber sie sah ihn mit ihren strahlenden schwarzen Augen an, und als er sie auch fragte, wußte sie besser Bescheid als die andern alle. Sie hatte gehört, verstanden und wohl behalten.

Ihr Vater war ein armer, braver Mann; er hatte sich, als er seine Tochter der Schule anvertraute, ausbedungen, daß sie nicht im christlichen Glauben unterwiesen werden dürfe. Sie in dieser Lehrstunde fort gehen zu lassen, hätte vielleicht bei den anderen Ärgernis erregt, und den Kleinen Gedanken und Gefühle eingegeben, die nicht berechtigt waren, also war sie geblieben, aber das durfte nicht länger geschehen.

Der Lehrer ging zu dem Vater und sagte ihm, er müsse entweder sein Kind aus der Schule nehmen oder sie Christin werden lassen. "Ich kann es nicht ertragen, diese brennenden Augen, diese Innigkeit und diesen seelischen Durst nach den Worten des Evangeliums" sagte der Lehrer.

Der Vater brach in Tränen aus: "Ich selbst weiß nur wenig von unserer eigenen Religion, aber ihre Mutter war eine Tochter Israels, fest und stark in ihrem Glauben, und ihr gab ich auf ihrem Sterbebette das Versprechen, daß unser Kind niemals christlich getauft werden solle; ich muß mein Versprechen halten, es ist für mich dasselbe, wie ein Pakt mit Gott."

Und das kleine Judenmädchen wurde aus der christlichen Schule genommen.

Jahre waren vergangen. In einem der kleinsten Marktflecken Jütlands diente in einem geringen bürgerlichen Hause ein armes Mädchen mosaischen Glaubens; es war Sara. Ihr Haar war schwarz wie Ebenholz, ihre Augen dunkel und doch voller Licht und Glanz, wie es den Töchtern des Orients eigen ist. Der Ausdruck des nun völlig erwachsenen Mädchens war noch der gleiche wie bei dem Kinde, da sie auf der Schulbank saß und mit gedankenvollem Blick zuhörte.

Jeden Sonntag tönte aus der Kirche Orgelklang und der Gesang der Gemeinde; es klang über die Straße bis in das gegenüberliegende Haus hinein, wo das Judenmädchen bei seiner Arbeit stand, treu und fleißig in ihrem Beruf. "Gedenke des Sabbaths und halte ihn heilig" war ihr Gesetz, aber ihr Sabbath war den Christen ein Arbeitstag, und sie konnte ihn nur in ihrem Herzen heilig halten, doch das schien ihr nicht genug. Aber was sind Tag und Stunde vor Gott. Dieser Gedanke war in Ihrer Seele erwacht, und am Sonntag der Christen wurde nun ihre Andachtsstunde ungestörter.

Drang der Orgelklang und der fromme Gesang der Gemeinde zu ihr in die Küche hinüber, so wurde selbst dieser Ort still und geheiligt. Das alte Testament, ihres Volkes Schatz und Eigentum, las sie dann, und nur dies, denn was ihr Vater und der Lehrer zu ihr sprachen, als sie von der Schule genommen wurde, das Versprechen, das der Vater ihrer sterbenden Mutter gegeben hatte, daß Sara nie Christin werden und den Glauben der Väter verleugnen sollte, hatte einen tiefen Eindruck in ihrer Seele hinterlassen. Das Neue Testament war ihr ein verschlossenes Buch und sollte es bleiben, und doch wußte sie soviel noch daraus, leuchtend stand es in den Erinnerungen ihrer Kindheit. Eines Abends saß sie in einer Ecke der Stube und hörte den Hausherrn laut vorlesen, und sie durfte ihm lauschen, war es doch nicht das Evangelium, nein, aus einem alten Geschichtenbuche wurde vorgelesen; sie durfte getrost zuhören. Es handelte sich von einem ungarischen Ritter, der von einem türkischen Pascha gefangen worden war und der ihn mit den Ochsen zusammen vor einen Pflug spannen, ihn mit Peitschenschlägen antreiben und endlich verhöhnen und Hunger und Durst leiden ließ.

Des Ritters Gemahlin verkaufte all ihren Schmuck, verpfändete Burg und Land, seine Freunde schossen große Summen zusammen, denn fast unerschwinglich war das Lösegeld, das verlangt wurde. Aber es wurde zuwege gebracht und er wurde aus Schmach und Sklaverei erlöst. Krank und leidend kam er in seine Heimat zurück. Aber bald ertönte wieder der Ruf an Alle gegen die Feinde des Christentums. Der Kranke hörte davon und fand nicht Rast noch Ruhe, er ließ sich auf sein Streitroß heben, Blut durchströmte seine Wangen wieder, die Kräfte schienen zurückzukehren und er zog aus zum Siege. Just der Pascha, der ihn hatte vor den Pflug spannen, ihn verhöhnen und leiden lassen, wurde jetzt sein Gefangener und wurde von ihm in sein Burgverließ geführt. Aber schon nach der ersten Stunde kam der Ritter und fragte seinen Gefangenen: "Was glaubst Du wohl, was Deiner wartet?"

"lch weiß es" antwortete der Türke, "Vergeltung"

"Ja die Vergeltung des Christen!" sagte der Ritter. "Das Christentum gebietet uns, unseren Feinden zu vergeben, unsere Nächsten zu lieben. Gott ist die Liebe. Ziehe in Frieden nach Deiner Heimat zu Deinen Lieben, und werde milde und gut gegen die, welche leiden!"

Da brach der Gefangene in Tränen aus. "Wie hätte ich glauben können, daß solches möglich sei! Peinigungen und Martern schienen mir gewiß und ich nahm ein Gift, das mich in wenigen Stunden töten wird. Ich muß sterben, es gibt keine Hilfe. Aber bevor ich sterbe, verkünde mir die Lehre, die eine solche Liebe und Gnade in sich schließt, sie ist groß und göttlich! Laß mich in dieser Lehre sterben, als ein Christ sterben." Und seine Bitte wurde erfüllt.

Das war die Geschichte, die Legende, die vorgelesen wurde; alle hörten und folgten ihr mit Eifer. Doch am brennendsten, am lebendigsten davon erfüllt war die, welche stumm in der Ecke saß, das Dienstmädchen Sara, das Judenmädchen. Große schwere Tränen standen in ihren leuchtenden, kohlschwarzen Augen. Sie saß dort mit dem gleichen Kindersinn, mit dem sie einst auf der Schulbank gesessen und die Größe des Evangeliums in sich aufgenommen hatte. Tränen rollten über ihre Wangen.

"Laß mein Kind keine Christin werden!" waren der Mutter letzte Worte auf dem Sterbebette. Diese Worte klangen in ihrem Herzen und in ihrer Seele wieder, zugleich mit den Worten des Gesetzes: "Ehre Deinen Vater und Deine Mutter."

"Ich bin ja keine Christin Sie nennen mich das Judenmädchen. Des Nachbars Knaben riefen es mir am letzten Sonntag im Spott zu, als ich vor der offenen Kirchentür stehen blieb und hinein sah, wie die Altarlichter brannten und die Gemeinde sang. Von der Schulzeit bis auf diesen Tag liegt für mich eine Macht im Christentum, die wie Sonnenschein, ob ich auch meine Augen schließe, in mein Herz dringt. Aber, Mutter, ich will Dich im Grabe nicht betrüben. Ich werde das Versprechen, das der Vater Dir gab, nicht brechen! Ich will nicht die christliche Bibel lesen? ich habe ja den Gott der Väter, an den ich mein Haupt lehnen kann."

Und die Jahre vergingen.

Der Hausherr starb, die Hausfrau geriet in mißliche Verhältnisse, das Dienstmädchen war entbehrlich. Aber Sara verließ sie nicht, sie war die Hilfe in der Not, sie hielt das Ganze zusammen. Bis in die späte Nacht arbeitete sie und schaffte durch ihrer Hände Arbeit Brot ins Haus. Es gab keinen nahen Verwandten, der sich der Familie annahm, und die Frau wurde Tag für Tag schwacher und lag schon seit Monaten auf dem Krankenlager. Sara wachte, pflegte sie, arbeitete milde und fromm, ein Segen für das arme Haus.

"Dort liegt die Bibel" sagte die Kranke. "Lies mir an diesem langen Abend etwas vor, ich sehne mich so innig danach, Gottes Wort zu hören."

Sara senkte das Haupt; ihre Hände falteten sich um die Bibel, die sie öffnete und der Kranken vorlas. Oft brach sie in Tränen aus, aber ihre Augen wurden klarer und in ihrer Seele wurde es licht. "Mutter, Dein Kind wird nicht der Christen Taufe empfangen, nicht in ihrer Gemeinschaft genannt werden, das hast Du gefordert und das werde ich halten, auf dieser Erde sind wir eins, aber darüber hinaus ist es größer, mit Gott eins zu sein. Er führt uns über den Tod hinaus. Er suchet die Erde heim und macht sie durstig, um sie zu erquicken! Ich verstehe es und weiß doch selbst nicht, wie es gekommen ist. Es geschieht durch ihn und in ihm: Christus."

Und sie zitterte bei der Nennung dieses heiligen Namens, eine Feuertaufe durchströmte sie stärker, als ihr Leib es zu tragen vermochte. Und sie sank zusammen, kraftloser als die Kranke, bei der sie wachte.

"Arme Sara" sagte man, "sie ist von der Arbeit und den Nachtwachen überanstrengt."

Und sie wurde krank ins Armenhaus gebracht; dort starb sie und wurde begraben, aber nicht auf dem christlichen Friedhofe, da gab es kein Plätzchen für das Judenmädchen, nein, draußen an der Mauer wurde sie begraben.

Und Gottes Sonne, die auf die Gräber der Christen herableuchtete, schien auch auf des Judenmädchens Grab dort an der Mauer, und die Psalmen, die auf dem Kirchhofe der Christen gesungen wurden, erklangen auch über ihrem Grabe und auch die Verkündigung drang zu ihr hinaus: "Es gibt eine Auferstehung in Christo" in ihm, der zu seinen Jüngern gesprochen hatte: "Johannes taufte mit Wasser, aber Ihr sollt mit dem Heiligen Geiste getauft werden!"

Hans Christian Andersen

Ein wunderbares Gedicht von Rainer Maria Rilke: Du mußt das Leben nicht verstehen

Ein wunderbares Gedicht von Rainer Maria Rilke: Du mußt das Leben nicht verstehen

Du mußt das Leben nicht verstehen

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

Etwas - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Etwas - ein Märchen von Hans Christian Andersen

"Ich will etwas sein," sagte der älteste von fünf Brüdern, "ich will etwas nützen in de Welt; mag es eine noch so geringe Stellung sein, wenn nur das, was ich ausrichte, etwas Gutes ist, dann ist es in der Tat etwas. Ich will Ziegelsteine machen, die sind nicht zu entbehren, und ich habe wirklich etwas gemacht!"

"Aber etwas gar zuwenig!" sprach der zweite Bruder. "Das, was du tun willst, ist so gut wie gar nichts, das ist Handlangerarbeit und kann durch eine Maschine ausgeführt werden. Nein, dann lieber Maurer sein, das ist doch etwas, das will ich sein. Das ist ein Stand! Durch den wird man in die Zunft aufgenommen, wird Bürger, bekommt seine eigene Fahne, seine Herberge; ja, wenn alles gut geht, kann ich Gesellen halten, werde ich Meister, und meine Frau wird Frau Meisterin heißen; das ist doch etwas!"

"Das ist gar nichts," sagte der dritte, "das ist doch außerhalb der eigentlichen Stände, und es gibt viele in einer Stadt, die weit über einen Handwerksmeister stehen. Du kannst ein braver Mann sein, allein du gehörst als "Meister" doch nur zu denen, die man den "gemeinen" Mann nennt, nein, da weiß ich etwas Besseres! Ich will Baumeister werden, will mich auf das Gebiet der Kunst, auf das des Denkens begeben, will zu den Höherstehenden im Reiche des Geistes zählen. Zwar muß ich von der Pike auf dienen, je, daß ich es geradeheraus sage: ich muß als Zimmerlehrling anfangen, muß als Bursche mit der Mütze einhergehen, obgleich ich daran gewöhnt bin, einen seidenen Hut zu tragen, muß den gewöhnlichen Gesellen Schnaps und Bier holen, und diese werden mich "du" nennen, das ist beleidigend! Aber ich werde mir einbilden, daß das Ganze ein Mummenschanz, daß es Narrenfreiheit ist! Morgen - das heißt, wenn ich Geselle bin, gehe ich meinen eigenen Weg, die andern gehen mich nichts an! Ich gehe auf die Akademie, bekomme Zeichenunterricht und heiße Architekt! Das ist etwas, das ist viel! Ich kann Wohl-, ja Hochwohlgeboren werden, ja, gar noch etwas mehr bekommen vorn und hinten, und ich baue und baue, ganz wie die andern vor mir gebaut. Das ist immer etwas, worauf man eben bauen kann! Das Ganze ist etwas!"

"Ich aber mache mir aus diesem Etwas gar nichts," sprach der vierte, "ich will nicht im Kielwasser anderer segeln, nicht eine Kopie werden; ich will ein Genie werden, will tüchtiger dastehen als ihr alle miteinander! Ich werde der Schöpfer eines neuen Stils, ich gebe die Idee zu einem Gebäude, passend für das Klima und das Material des Landes, für die Nationalität des Volkes, für die Entwicklung des Zeitalters, und gebe außerdem noch ein Stockwerk zu für mein eigenes Genie!"

"Wenn nun aber das Klima und das Material nichts taugen," sagte der fünfte, "das wäre unangenehmem, denn die üben ihren Einfluß aus! Die Nationalität kann auch dermaßen übertrieben werden, daß sie affektiert wird, die Entwicklung des Zeitalters kann mit dir durchgehen. Ich sehe es schon kommen, daß keiner von euch eigentlich etwas werden wird, wie sehr ihr es auch selber glaubt! Aber tut, was ihr wollt, ich werde euch nicht ähnlich sein, ich stelle mich außerhalb der Dinge, ich will über das räsonieren, was ihr ausrichtet! An jeder Sache klebt etwas, das nicht richtig ist, etwas Verkehrtes, das werde ich heraustüfteln und besprechen, das ist etwas!"

Und das tat er dann auch, und die Leute sagten von dem fünften: "An dem ist bestimmt etwas! Er ist ein kluger Kopf! Aber er tut nichts!" Doch gerade dadurch war er etwas!

Seht, das ist nur eine kleine Geschichte, und doch hat sie kein Ende, solange die Welt steht!

Aber wurde denn weiter nichts aus den fünf Brüdern? Das war ja nichts und nicht etwas!

Hören wir weiter, es ist ein ganzes Märchen.

Der älteste Bruder, der Ziegelsteine fabrizierte, wurde bald inne, daß von jedem Ziegel, wenn er fertig war, eine kleine Münze, wenn auch nur von Kupfer, abfiel; doch viele Kupferpfennige, aufeinandergelegt, machen einen blanken Taler, und wo man mit so einem anklopft, sei es beim Bäcker, beim Schlachter, Schneider, ja bei allen, dort fliegt die Tür auf, und man bekommt, was man braucht; seht, das werfen die Ziegel ab; einige zerbröckelten zwar oder sprangen entzwei, aber selbst die konnte man brauchen.

Auf dem hohen Erdwall, dem schützenden Deich an der Meeresküste, wollte Margarethe, die arme Frau, sich ein Häuschen bauen; sie bekam all die zerbröckelten Ziegel und dazu noch einige ganze denn ein gutes Herz hatte der älteste Bruder, wenn er es auch in der Tat nicht weiterbrachte, als Ziegelsteine anzufertigen. Die arme Frau baute selbst ihr Häuschen; es war schmal und eng, das eine Fenster saß ganz schief, die Tür war zu niedrig, und das Strohdach hätte besser gelegt werden können, aber Schutz bot es immerhin, und weit über das Meer, das sich mit Gewalt am Wall brach, konnte man von dem Häuschen hinausschauen; die salzigen Wogen spritzten ihren Schaum über das ganze Haus, das noch dastand, als der, der die Mauersteine dazu fabriziert hatte, schon tot und begraben war.

Der zweite Bruder, ja der verstand nun das Mauern besser, war er doch auch dazu angelernt. Als er die Gesellenprüfung bestanden hatte, schnürte er seinen Ranzen und stimmte das Lied des Handwerkers an:

Weil ich jung bin, will ich wandern,
draußen will ich Häuser baun,
ziehen von einem Ort zum andern;
Jugendsinn gibt mir Vertrauen.
Und kehr ich heim ins Vaterland,
wo mein die Liebste harrt!
Hurra, der brave Handwerksstand!
Wie bald ich Meister ward!

Und das war er dann auch. Als er zurückgekehrt und Meister geworden war, baute er in der Stadt ein Haus neben dem andern, eine ganze Straße, und als die Straße vollendet war, sich gut ausnahm und der Stadt zur Zierde gereichte, bauten die Häuschen ihm wieder ein Haus, das sein Eigentum sein sollte. Doch wie können die Häuser wohl bauen? Frage sie, und sie werden dir die Antwort schuldig bleiben; aber die Leute antworten und sagen: "Allerdings hat ihm die Straße sein Haus gebaut!" Klein war es und der Fußboden war mit Lehm belegt, aber als er mit seiner Braut über den Lehmboden dahintanzte, da wurde dieser blank wie poliert, und aus jedem Stein in der Wand sprang eine Blume hervor und schmückte das Zimmer wie die kostbarste Tapete. Es war ein hübsches Haus und ein glückliches Ehepaar. Die Fahne der Innung flatterte vor dem Hause, Gesellen und Lehrburschen schrien: "Hurra!" Ja, war der etwas! Und dann starb er, das war auch etwas!

Nun kam der Architekt, der dritte Bruder, der erst Zimmermannslehrling gewesen und mit der Mütze gegangen war und den Laufburschen gemacht hatte, aber von der Akademie bis zum Baumeister aufgestiegen war, "Hoch- und Wohlgeborner Herr!" Ja, hatten die Häuser der Straße den Bruder, der Maurermeister gewesen war, ein Haus gebaut, so erhielt nun die Straße seinen, des Architekten Namen, und das schönste Haus der Straße wurde sein Eigentum; das war etwas, und er war etwas - und das mit einem langen Titel vorn und hinten. Seine Kinder hieß man "vornehme" Kinder, und als er starb, war seine Witwe eine "Witwe von Stand" - das ist etwas! Und sein Name blieb für immer an der Straßenecke geschrieben und lebte in aller Munde als Straßenname - ja, das ist etwas!

Darauf kam das Genie, der vierte Bruder, der etwas Neues, etwas Apartes und noch ein Stockwerk darüber erfinden wollte, aber das fiel herunter, und er selbst fiel auch herunter und brach sich das Genick - allein er bekam ein schönes Begräbnis mit Zunftfahnen und Musik, Blumen in der Zeitung und auf der Straße über das Pflaster hin, und man hielt ihm drei Leichenreden, eine länger als die andere, und das hätte ihn sehr erfreut, denn er hatte es sehr gern, wenn von ihm geredet wurde; auch ein Monument wurde ihm auf seinem Grab errichtet, zwar nur ein Stockwerk hoch, aber das ist immerhin etwas!

Er war nun gestorben wie die drei anderen Brüder; der letzte aber, der, welcher räsonierte, überlebte sie alle, und das war ja eben richtig so, wie es sein sollte, denn dadurch hatte er ja das letzte Wort, und ihm war es von großer Wichtigkeit, das letzte Wort zu haben. War er doch ein kluger Kopf, wie die Leute sagten. Endlich schlug aber auch seine Stunde, er starb und kam an die Pforten des Himmels. Dort treten stets je zwei heran; er stand da mit einer anderen Seele, die auch gern hineinwollte, und das war gerade die alte Frau Margarethe aus dem Haus auf dem Deich.

"Das geschieht wohl des Kontrastes halber, daß ich und diese elende Seele hier zu gleicher Zeit antreten müssen!" sprach der Räsoneur. "Nur, wer ist Sie, Frauchen? Will Sie auch hier hinein?" fragte er.

Und die alte Frau verneigte sich, so gut sie es vermochte, sie glaubte, es sei Sankt Petrus selber, der zu ihr sprach. "Ich bin eine alte, arme Frau ohne alle Familie, bin die alte Margarethe aus dem Haus auf dem Deich."

"Nun, was hat Sie getan, was hat Sie ausgerichtet dort unten?"

"Ich habe wahrscheinlich gar nichts in dieser Welt ausgerichtet! Nichts, wodurch mir könnte aufgeschlossen werden! Es ist wahre Gnade, wenn man erlaubt, daß ich durchs Tor hineinschlüpfe!"

"Auf welche Weise hat Sie diese Welt verlassen?" fragte er weiter, um doch von etwas zu reden, da es ihm Langeweile machte, dort zu stehen und zu warten.

"Ja, wie ich sie verlassen habe, das weiß ich nicht! Krank und elend war ich ja während der letzten Jahre, und ich habe es wohl nicht verragen können, aus dem Bett zu kriechen und in Frost und Kälte so plötzlich hinauszukommen. Es war ein harter Winter, doch jetzt habe ich ihn ja überstanden. Es war einige Tage ganz stilles Wetter, aber sehr kalt, wie Euer Ehrwürden ja selbst wissen, die Eisdecke ging so weit ins Meer hinaus, als man nur schauen konnte; alle Leute aus der Stadt spazierten aufs Eis hinaus, dort war, wie sie sagten, Schlittschuhlaufen und Tanz, glaube ich, große Musik und Bewirtung war auch da; die Musik schallte in mein ärmliches Stübchen hinein, wo ich lag. Und dann war es so gegen Abend, der Mond war schön aufgegangen, aber noch nicht in seinem vollen Glanze, ich blickte von meinem Bett über das ganze weite Meer hinaus, und dort draußen, grade am Rande zwischen Himmel und Meer, tauchte eine wunderliche Wolke empor; ich lag da und sah die Wolke an, ich sah auch das schwarze Pünktchen inmitten der Wolke, das immer größer und größer wurde, und da wußte ich, was das zu bedeuten hatte; ich bin alt und erfahren, obwohl man das Zeichen nicht oft sieht.

Ich kannte es, und ein Grausen überkam mich. Habe ich doch zweimal früher bei Lebzeiten das Ding kommen sehen, und wußte ich doch, daß es einen entsetzlichen Sturm mit Springflut geben würde, die über die armen Menschen draußen käme, die jetzt tranken, umher sprangen und jubilierten; jung und alt, die ganze Stadt war ja draußen; wer sollte sie warnen, wenn niemand dort das sah und zu deuten wußte, was ich wohl kannte. Mir wurde ganz Angst, ich wurde so lebendig wie seit langer Zeit nicht mehr. Aus dem Bett heraus kam ich zum Fenster hin, weiter konnte ich mich vor Mattigkeit nicht schleppen. Es gelang mir aber doch, das Fenster zu öffnen; ich sah die Menschen draußen auf dem Eis laufen und springen, ich sah auch die schönen Flaggen, die im Winde wehten, ich hörte die Knaben Hurra schreien, Knechte und Mägde sangen, es ging fröhlich her, aber - die weiße Wolke mit dem schwarzen Punkt! Ich rief, so laut ich konnte, aber niemand hörte mich; ich war zu weit weg von den Leuten entfernt. Bald mußte das Unwetter losbrechen, das Eis platzen und alles, was draußen war, ohne Rettung verloren sein. Mich hören konnten sie nicht, zu ihnen hinauskommen konnte ich nicht; oh, könnte ich sie doch an Land führen! Da gab der gute Gott mir den Gedanken, mein Bett anzuzünden, lieber das Haus niederzubrennen, als daß die Vielen so jämmerlich umkommen sollten.

Es gelang mir, ein Licht anzuzünden; die rote Flamme loderte hoch empor - ja, ich entkam glücklich durch die Tür, aber davor blieb ich liegen, ich konnte nicht weiter; die Flamme leckte nach mir heraus, flackerte aus den Fenstern, loderte hoch aus dem Dach empor; die Menschen alle draußen auf dem Eis wurden sie gewahr, und alle liefen sie, was sie konnten, um einer Armen zu Hilfe zu eilen, die sie lebendig verbrennen wähnten; nicht einer war da, der nicht lief; ich hörte sie kommen, aber ich vernahm auch, wie es mit einemmal in der Luft brauste, ich hörte es dröhnen wie schwere Kanonenschüsse; die Springflut hob die Eisdecke, die in tausend Stücke zerschellte; aber die Leute erreichten den Damm, wo die Funken über mir dahin flogen; ich rettete sie alle! Doch ich habe wohl die Kälte nicht vertragen können und auch nicht den Schrecken, und so bin ich nun hier herauf an das Tor des Himmels gekommen; man sagt ja, es wird auch so einem armen Menschen, wie ich es bin, aufgetan, und jetzt habe ich ja kein Haus mehr auf dem Deich, doch das gibt mir wohl noch keinen Eintritt hier!"

Da öffnete sich des Himmels Pforte, und der Engel führte die alte Frau hinein; sie verlor einen Strohalm draußen, einen der Strohhalme, die in ihrem Lager gewesen waren, als sie es anzündete, um die vielen zu retten, und das hatte sich in das reinste Gold verwandelt, und zwar in Gold, das wuchs und sich in den schönsten Blumen und Blättern emporrankte.



"Sieh, das brachte die arme Frau!" sagte der Engel. "Was bringst du? Ja, ich weiß es wohl, daß du nichts ausgerichtet hast, nicht einmal einen Ziegelstein hast du gemacht; wenn du nur wieder zurückgehen und es wenigstens so weit bringen könntest; wahrscheinlich würde der Stein, wenn du ihn gemacht hättest, nicht viel wert sein, doch mit gutem Willen gemacht, wäre es doch immerhin etwas; aber du kannst nicht zurück, und ich kann nichts für dich tun!"

Da legte die arme Seele, das Mütterchen aus dem Haus auf dem Deich, ein gutes Wort für ihn ein: "Sein Bruder hat mir die Ziegelsteine und Brocken geschenkt, aus denen ich mein armseliges Haus zusammengebaut habe, und das war sehr viel für mich Arme! Könnten nun nicht all die Brocken und ganzen Ziegelsteine als ein Ziegelstein für ihn gelten? Es ist ein Akt der Gnade gewesen. Er ist ihrer jetzt bedürftig, und hier ist ja der Urquell der Gnade!"

"Dein Bruder, der, den du den Geringsten nanntest," sagte der Engel, "der, dessen ehrliches Tun dir am niedrigsten erschien, schenkt dir seine Himmelsgabe. Du sollst nicht abgewiesen werden, es soll dir erlaubt sein, hier draußen zu stehen und nachzusinnen und deinem Leben dort unten aufzuhelfen, aber hinein gelangst du nicht, bevor du nicht in guter Tat - etwas ausgerichtet hast!"

"Das hätte ich besser sagen können," dachte der Räsoneur, aber er sprach es nicht laut aus, und das war wohl schon "Etwas."

Hans Christian Andersen

Löwenzahn - die Pusteblume als Wundermittel

Viele von uns kennen den Löwenzahn seit der Kindheit. Als Pusteblume war die Pflanze sehr beliebt. Doch in dem Wildkraut steckt einiges mehr. Beinahe alles am Löwenzahn, wie Blüten, Blätter, Knospen und Wurzeln sind verzerrbar und eignen sich hervorragend in der Küche.

Viele von uns kennen den Löwenzahn seit der Kindheit. Als Pusteblume war die Pflanze sehr beliebt. Doch in dem Wildkraut steckt einiges mehr. Beinahe alles am Löwenzahn, wie Blüten, Blätter, Knospen und Wurzeln sind verzerrbar und eignen sich hervorragend in der Küche. Andere Bezeichnungen für den Löwenzahn sind Butterblume oder Kuhblume.


Heilkraft im Löwenzahn

Der Löwenzahn besitzt gesunde Bitterstoffe und ist reich an essentiellen Vitaminen und Nährstoffen. Auf die leicht harntreibende und abführende Wirkung führt der hohe Gehalt an Kalium zurück. Zudem ist die Pflanze sehr reich an Beta-Carotin, Vitamin E und Vitamin C.

Vitamine A,und B sind ebenso im Löwenzahn enthalten.  Auch Kalzium lässt sich in der Heilpflanze finden. Die Blätter enthalten Karotinoide und die Wurzel heilende Pflanzenstoffe. Vor allem ist der Löwenzahn beliebt wegen seiner entgiftenden und harntreibenden Wirkung, die vor allem für Blase, Leber und Galle günstig ist.

Der Löwenzahn besitzt gesunde Bitterstoffe und ist reich an essentiellen Vitaminen und Nährstoffen. Auf die leicht harntreibende und abführende Wirkung führt der hohe Gehalt an Kalium zurück.
Eigenschaften:

appetitanregend
stoffwechselanregend
entwässernd
krampflösend
Förderung des Gallenflusses (choleretisch)
magensaftanregend
entzündungshemmend
harntreibend

Herkunft und Vorkommen des Löwenzahns

Der Löwenzahn ist weltweit verbreitet. Der Ursprung war auf der Nordhalbinsel. Es wird vermutet, dass die auf heute nährstoffreichen Wiesen anzutreffende Pflanze aus Zentralasien stammt. Sehr häufig ist der Löwenzahn auf oder am Rand von landwirtschaftlichen Flächen, auf Brachflächen, Nutztierweiden oder in Parkanlagen anzutreffen. Die Butterblume kommt sowohl im Flachland als auch im Hochgebirge vor.

Der Löwenzahn ist mehrjährig und ausdauernd. Je nach Standort und Nährstoffverfügbarkeit kann die Pflanze zwischen 15 bis 45 cm Wuchshöhe erreichen.

Löwenzahn in der Küche 

Löwenzahn hat vor allem in der Küche eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten. Bekannt ist

Löwenzahntee aus Wurzeln

  1. Die Wurzeln abends in Wasser ansetzen.
  2. Den darauffolgenden Tag alles kurz aufkochen.
  3. 10 Minuten zugedeckt kurz ziehen lassen und danach absieben.

Der Löwenzahnhonig kann auch zu Hustenhonig weiter verarbeitet werden Rezept: Löwenzahnhonig

Zutaten:
300 g Löwenzahn - Blütenköpfe, an einem trockenen Tag gepflückt
2 kg Zucker
2 Zitrone(n), (oder 1 Pck. Zitronensäure - fürs Einkochen)
1 Liter Wasser

Zubereitung:
Die nur die Blüten an einem trockenen Tag pflücken. Dabei den Blütenkelch (alles Grüne) weg geben.
Tipp: Beim Pflücken eignen sich hervorragend Handschuhe, damit sich die Handflächen durch das kräftige Gelb nicht färben. 

Die in Scheiben geschnittenen Zitronen und Blütenblätter in 1 Liter Wasser 30 Minuten lang kochen. Danach den Sud durch ein Stofftuch pressen. 
Diese Flüssigkeit mit dem Zucker wiederum 1 Stunde lang langsam köcheln lassen. 

Weiterverarbeitung zu Hustenhonig

1 Glas Löwenzahnhonig wird mit 
2 Nelken, 2 Handvoll Löwenzahnblüten, 1 Zimtstange gut vermengt und 2 Wochen in die Sonne gestellt. 

Viele weitere Rezepte sind in diesem Nachschlagewerk als Taschenbuch oder Kindle Ebook auf Amazon zu finden: www.amazon.de 

Auch als Heilmittel für eine Vielzahl an Beschwerden können die Bestandteile des Löwenzahns nützlich sein.
Der Löwenzahn als Heilkraut

Auch als Heilmittel für eine Vielzahl an Beschwerden können die Bestandteile des Löwenzahns nützlich sein. Bereits in der Antike griff man auf das Heilkraut zurück. Zu dieser Zeit wurde die Pflanze zum Beispiel bei schmerzhaften Brüsten, Gemächten, Beinen und bei verschwommenen Sehen äußerlich verwendet.

Auch heute wird der Löwenzahn in der Naturheilkunde verwendet. Bei folgenden Beschwerden und Krankheiten macht sich die Naturheilkunde die Wirkung der Pflanze zu Nutze:

  • Gallen- und Leberbeschwerden
  • Allgemeine Verdauungsbeschwerden
  • Wasseransammlung
  • Pickel und Ekzeme
  • Appetitlosigkeit
  • Völlegefühl
  • Blähungen
  • Blasen- und Nierenbeschwerden
  • leichte Nierenbeschwerden
  • Stoffwechselbeschwerden
  • Rheuma

Unter dem Weidenbaume - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Unter dem Weidenbaume - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Die Gegend um das kleine seeländische Städtchen Kjöge ist sehr kahl; es liegt zwar am Meeresstrande, was immer schön ist, aber dort könnte es doch schöner sein als es eben ist: – rings umher sind ebene Felder und ein gar weiter Weg ist nach dem Walde. Doch wenn man in einem Orte recht zu Hause ist, so findet man dort immer irgend etwas Schönes, nach dem man später an dem reitzendsten Orte der Welt Sehnsucht empfindet. Und das müssen wir freilich gestehen, daß es am äußersten Weichbilde des Städtchens, wo selbst einige kleine ärmliche Gärten sich längs des Baches, der dort ins Meer fällt, hinstrecken, im Sommer ganz anmutig sein konnte, was auch namentlich die beiden Nachbarskinder fanden, die hier spielten und durch die Stachelbeersträucher sich wanden, um zu einander zu gelangen. In dem einen Garten stand ein Fliederbaum, in dem andern ein alter Weidenbaum, und namentlich unter diesem letzteren spielten die Kinder gar gern: das war ihnen erlaubt, obgleich der Weidenbaum in der Nähe des Baches stand, und sie leicht ins Wasser hätten fallen können; aber das Auge Gottes ruht ja auf den Kleinen – würde es doch sonst gar schlimm um sie aussehen! Sie waren aber auch sehr vorsichtig in Betreff des Wassers, ja, der Knabe war dermaßen wasserscheu, daß es nicht möglich, war, ihn im Sommer ins Meer hinaus zu locken, in dem doch die anderen, Kinder gar gern umher plantschten; er wurde deshalb auch gehörig geneckt und verhöhnt, und er mußte es geduldig ertragen. Einmal träumte es der Johanna, dem kleinen Mädchen des Nachbars: sie segle in einem Kahne und Kanut wate zu ihr hinaus, so daß das Wasser ihm erst bis an den Hals, später bis über den Kopf stiege und endlich ganz verschwinde. Von dem Augenblicke an, wo der kleine Kanut diesen Traum erfuhr, duldete er nicht mehr die Verhöhnungen der anderen Knaben; durfte er doch jetzt ins Wasser gehen; habe es Johanna doch geträumt! – Selbst tat er es freilich nie, aber jener Traum war immerhin sein Stolz.

Die armen Eltern kamen oft zusammen, und Kanut und Johanna spielten in den Gärten und auf der Landstraße, welche längs der Gräben mit einer Reihe von Weidenbäumen besetzt war, die zwar mit ihren verstutzten Kronen nicht schön sahen, aber auch dort nicht zum Staat standen, sondern des Nutzens wegen; schöner war der alte Weidenbaum im Garten, und unter demselben saßen die beiden Kinder. – In dem Städtchen selbst ist ein großer Marktplatz, und zur Zeit des Jahrmarktes standen dort ganze Straßen von Zelten und Buden mit seidenen Bändern, Stiefeln und allem, was man sich wünscht; es war ein arges Gedränge und in der Regel Regenwetter, und dann spürte man den Dunst der Frieswämse der Bauern, aber auch den schönsten Duft der Honig- oder Pfefferkuchen, von welchen eine Bude voll da stand, und was noch das herrlichste war: der Mann, der die Kuchen verkaufte, nahm immer während des Jahrmarktes seine Wohnung bei den Eltern des kleinen Kanut, und nun gab es dann und wann einen kleinen Pfefferkuchen, von welchem natürlich auch Johanna ihren Anteil erhielt. Aber was noch schöner war: – der Pfefferkuchenhändler wußte fast von allen möglichen Dingen Geschichten zu erzählen, selbst von seinen Pfefferkuchen; ja von diesen erzählte er eines Abends eine Geschichte, die einen so tiefen Eindruck auf die Kinder machte, daß sie dieselbe nie wieder vergaßen, und deshalb ist es wohl am besten, daß wir sie auch kennen lernen, um so mehr, da sie nur kurz ist.

»Auf dem Ladentische« – erzählte er – »lagen zwei Pfefferkuchen, der eine in Gestalt einer Mannsperson mit einem Hute, der andere in der einer Jungfrau ohne Hut; sie hatten ihre Gesichter auf der Seite, die nach oben gekehrt war, und von derselben sollte man sie auch besehen, nicht von der Kehrseite, von welcher man überhaupt nie einen Menschen betrachten darf. Der Mann trug auf der linken Seite eine bittere Mandel, das war sein Herz, die Jungfrau dagegen war lauter Honigkuchen, sie lagen Beide als Proben auf dem Ladentische, lagen dort sogar lange, und endlich liebten sie sich; aber keiner sagte es dem andern, und das muß doch geschehen, wenn etwas daraus werden soll.«

»»Er ist ein Mann, er muß das erste Wort sagen,«« dachte sie, wollte sich aber doch schon begnügen, wenn sie nur wüßte, daß ihre Liebe erwidert würde.

»Seine Gedanken waren nun zwar weit ausschweifender, und das ist immer der Fall mit den Männern; ihm träumte er sei ein leibhaftiger Straßenjunge, im Besitze von vier Schillingen und kaufe die Jungfrau und verzehre sie.«

»Und so lagen sie Tage und Wochen lang auf dem Ladentische und vertrockneten, und die Gedanken der Jungfrau wurden immer zarter und weiblicher: »»es genügt mir schon, daß ich auf dem selben Tische mit ihm zusammen gelegen habe!«« – dachte sie und knack! – brach sie mitten durch.«

»»Hätte sie nur meine Liebe gekannt, sie hätte wohl etwas länger gehalten!«« – dachte er.«

»Das ist die Geschichte, und hier sind sie alle Beide,« sagte der Kuchenbäcker. »Sie sind ihres Lebenslaufes und der stummen Liebe wegen, die nie zu etwas führt, merkwürdig; – da habt Ihr sie!« damit gab er Johanna die Mannsperson, die ganz war, und Kanut erhielt die geknickte Jungfrau; aber die Kinder waren der maßen von der Geschichte ergriffen, daß sie es nicht übers Herz bringen konnten, die Liebesleute zu essen.

Am folgenden Tage gingen sie mit ihnen auf den Friedhof und ließen sich dort an der Kirchenmauer nieder, die mit dem üppigsten Efeu, Sommer und Winter, wie mit einem reichen Teppiche behangen ist; hier stellten sie die Pfefferkuchen zwischen die grünen Ranken in den Sonnenschein und erzählten nun einer Schar anderer Kinder die Geschichte von der stummen Liebe, die nichts Wert sei, das heißt die Liebe; denn die Geschichte sei allerliebst, der Meinung waren sie alle; aber als sie wieder einen Blick auf das Honigkuchenpaar warfen, ja, da hatte ein großer Knabe – und zwar aus Bosheit – die geknickte Jungfrau aufgegessen; die Kinder weinten darüber, und nachher – dies geschah wahrscheinlich, damit der arme Liebhaber nicht allein in der Welt stehen sollte – nachher aßen sie auch ihn auf, doch die Geschichte vergaßen sie nie.

Immer waren die Kinder beisammen am Fliederbaume und unter dem Weidenbaume, und das kleine Mädchen sang die schönsten Lieder mit einer Stimme, klar wie eine Glocke; Kanut dagegen hatte keinen Ton in sich, aber er wußte den Text, und das ist immerhin etwas. Die Leute in Kjöge, selbst die Frau des Galanteriewaarenhändlers, blieben stehen und lauschten, wenn Johanna sang. »Die hat eine recht süße Stimme, die Kleine!« – sagten sie.

Das waren herrliche Tage, allein sie währten nicht immer. Die Nachbarn trennten sich; die Mutter des kleinen Mädchens war gestorben, der Vater war gesonnen, wieder zu heiraten, und zwar in der Residenz, wo man ihm versprochen hatte, daß er sein Brot haben und irgendwo Bote haben würde, und dies sollte ein sehr einträgliches Amt sein. Die Nachbarn trennten sich unter Tränen, namentlich weinten die Kinder, aber die Eltern gelobten sich einander wenigstens ein Mal jährlich zu schreiben.

Den Kanut gab man in die Lehre zu einem Schuhmacher, den großen Knaben konnten sie doch nicht länger sich umhertreiben lassen. Und er wurde nun auch konfirmiert.

Ach, wie gern wäre er an diesem Festtage in Kopenhagen gewesen bei der kleinen Johanna, aber er blieb in Kjoge und war nie nach Kopenhagen gekommen, obgleich die Hauptstadt nur fünf Meilen von dem kleinen Städtchen entfernt ist; doch über den Meeresbusen hinweg bei klarem Himmel hatte Kanut die Türme erblickt, und an dem Konfirmationstage sah er deutlich das goldene Kreuz an der Frauenkirche in der Sonne glänzen.

Ach, wie waren seine Gedanken bei Johanna! Ob sie wohl seiner gedacht? Ja! – Gegen Weihnachten kam ein Brief von ihrem Vater an die Eltern Kanut's an, es gehe ihnen sehr gut in Kopenhagen, und namentlich dürfe Johanna, ihrer schönen Stimme wegen, ein großes Glück zu Teil werden; sie sei bei der Komödie, in welcher gesungen wird, angestellt, etwas Geld verdiene sie schon jetzt dabei, und von diesem sende sie den lieben Nachbarsleuten in Kjöge einen ganzen Taler zum vergnügten Weihnachtsabend; sie sollten auf ihre Gesundheit trinken, das hatte sie selbst eigenhändig in einer Nachschrift hinzugefügt, und in derselben stand ferner: »Freundlichen Gruß an Kanut!«

Die ganze Familie weinte, und doch war das ja Alles gar erfreulich; aber sie weinte vor Freude. Alle Tage hatte Johanna die Gedanken Kanut's erfüllt, und jetzt überzeugte er sich, daß auch sie an ihn denke, und je näher die Zeit heranrückte, wo er ausgelernt haben würde, um so klarer stand es vor ihm, daß er Johanna gar lieb habe, daß sie seine Frau werden müsse, und dabei spielte ein Lächeln um seine Lippen und er zog den Draht noch einmal so rasch und stemmte den Fuß gegen den Knieriemen an; er stach den Pfriemen tief in den einen Finger hinein, aber das tat nichts! Er wollte wahrhaftig nicht den Stummen spielen, wie es die beiden Pfefferkuchen getan; die Geschichte sei ihm eine gute Lehre.

Jetzt war er Gesell und das Ränzel war geschnürt, endlich zum ersten Male in seinem Leben sollte er nach Kopenhagen gehen, dort habe er bereits einen Meister. Wie würde Johanna überrascht und erfreut sein! Sie zählte jetzt siebenzehn Jahre, er neunzehn.

Schon in Kjöge wollte er einen goldenen Ring für sie kaufen, aber er besann sich doch, daß man der gleichen gewiß weit schöner in Kopenhagen bekäme; und nun wurde Abschied von den Eltern genommen, und an einem späten regnerischen Herbsttage wanderte er zu Fuß aus der Stadt seiner Heimat; die Blätter fielen von den Bäumen herab, durchnäßt kam er in der großen Hauptstadt und bei seinem neuen Meister an. Künftigen Sonntag wollte er den Besuch bei dem Vater Johanna's machen. Die neuen Gesellenkleider wurden hervorgesucht und der neue Hut aus Kjöge aufgesetzt, der stand dem Kanut gar gut, früher hatte er immer nur eine Mütze getragen. Er fand das Haus, das er suchte, stieg die vielen Stufen hinan, es war zum Schwindeligwerden, wie die Menschen hier in der großen Stadt über einander gestellt seien.

In der Stube sah Alles wohlhabend aus, und der Vater Johanna's empfing ihn sehr freundlich, der Frau war er jedoch eine fremde Person, aber sie reichte ihm die Hand und den Kaffee.

»Es wird Johanna freuen, Dich zu sehen,« – sagte der Vater, »Du bist ja ein sehr netter junger Mann geworden! – Nun sollst Du sie sehen; ja, sie ist ein Mädchen, das mir Freude macht und, mit Gottes Hilfe, noch mehr machen wird! Sie hat ihre eigene Stube und die bezahlt sie uns!« – Und der Vater selbst klopfte höflich an die Türe, als wäre er ein fremder Mann, und darauf traten sie ein. Aber, wie war dort Alles niedlich; ein solches Stübchen fände man sicherlich nicht in ganz Kjöge; die Königin selbst könne es nicht anmutiger haben! Da waren Fußdecken, da waren Fenstervorhänge ganz bis zum Fußboden herab, sogar ein Stuhl von Sammet, und ringsum Blumen und Gemälde, und ein Spiegel, in den man hinein zu treten fast Gefahr lief: er war ja so groß wie eine Türe. Kanut sah dies Alles mit einem Blicke und nichts desto weniger sah er doch nur Johanna; sie war ein erwachsenes Mädchen und ein ganz anderes, als Kanut es sich gedacht, aber viel schöner; in ganz Kjöge war keine einzige Jungfrau wie sie, und wie war sie fein, und wie blickte sie den Kanut so sonderbar fremd an, aber nur einen Augenblick, als dann stürzte sie auf ihn zu, als wollte sie ihn küssen, – sie tat es zwar nicht, aber es war nahe daran. Ja, sie freute sich in der Tat bei dem Anblicke des Freundes ihrer Kindheit! Standen ihr doch die Tränen in den Augen, und dann hatte sie gar viel zu fragen und zu reden, von den Eltern Kanut's bis auf den Flieder- und den Weidenbaum herab, diese nannte sie Fliedermutter und Weidenvater, als ob sie auch Menschen wären, doch dafür konnten sie auch ebenso gut gelten, wie die Pfefferkuchen; von diesen sprach sie auch und von deren stummer Liebe, wie sie auf dem Ladentische lagen und entzwei gingen, und dabei lachte sie recht herzlich – aber das Blut flammte in den Wangen Kanut's und sein Herz klopfte schneller als sonst! – Nein, sie war gar nicht stolz geworden! – Sie war es auch, – das bemerkte er wohl – daß ihre Eltern ihn einluden, den ganzen Abend dort zu bleiben, und sie schenkte den Tee ein und reichte ihm selbst eine Tasse, und später nahm sie ein Buch zur Hand und las laut vor, und es war Kanut, als wenn gerade Das, was sie las, von seiner Liebe handele, so gar gut fiel es mit seinen Gedanken zusammen; darauf sang sie ein einfaches Lied, aber dasselbe wurde durch sie zu einer Geschichte, es war, als ströme ihr eigenes Herz davon über. Ja, sie habe ganz gewiß den Kanut lieb. Die Tränen rollten ihm über die Wangen, er konnte nichts dafür und er vermochte kein einziges Wort zu sagen, ihm selbst schien es, als sei er verdummt, und doch drückte sie ihm die Hand und sagte: »Du hast ein gutes Herz, Kanut – bleibe immer, wie Du bist!«

Das war ein Abend sonder gleichen; darauf zu schlafen, war nicht möglich, und das tat Kanut denn auch nicht.

Beim Abschiede hatte der Vater Johanna's gesagt: »Nun, jetzt wirst Du uns doch nicht ganz vergessen! Du wirst doch nicht den ganzen Winter verstreichen lassen, bis Du uns einmal wieder besuchst?« – also konnte er sehr wohl am folgenden Sonntag wieder hingehen, und das wollte er auch. Aber jeden Abend, nach den Arbeitsstunden, und es wurde bei Licht gearbeitet, ging Kanut in die Stadt; er ging durch die Straße, in welcher Johanna wohnte, blickte zu ihren Fenstern hinauf, sie waren fast immer erhellt, und an einem Abende sah er deutlich den Schatten ihres Antlitzes an dem Fenstervorhange – das war ein schöner Abend. Die Frau Meisterin lobte es gar nicht, daß er immer des Abends auf der Fahrt sein müsse, wie sie es nannte, und sie schüttelte den Kopf, aber der Meister lächelte: »Er ist ein junger Mensch!« sagte er.

»Sonntag sehen wir uns, und ich sage ihr, wie sie mir im Sinn und Herzen liegt, und daß sie mein Frauchen werden muß; ich bin zwar nur ein armer Schuhmachergesell, aber ich kann Meister werden, ich werde arbeiten und streben – ja ich sage es ihr; es kommt nichts bei der stummen Liebe heraus, das habe ich von den Pfefferkuchen gelernt!«

Der Sonntag kam und Kanut kam, aber wie unglücklich; Alle waren an dem Abende eingeladen, sie mußten es ihm sagen. Johanna drückte seine Hand und fragte: »Bist Du im Theater gewesen? Du mußt einmal hineingehen! Ich singe Mittwoch, und wenn Du Zeit an diesem Tage hast, dann will ich Dir ein Billet senden, mein Vater weiß, wo Dein Meister wohnt!«

Wie liebevoll war das von ihr! Und am Mittwoch Mittag erhielt er auch ein versiegeltes Papier ohne Worte, aber das Billet lag in demselben, und am Abende ging Kanut zum ersten Male in seinem Leben ins Theater; und was sah er? – er sah Johanna, wie war sie schön und anmutig; sie wurde zwar an eine fremde Person verheiratet, aber das war alles Komödie, Etwas, das sie vorstellten, das wußte Kanut, sonst hätte sie es auch nicht über's Herz bringen können, ihm ein Billet zu senden damit er es sehe, und alle Leute klatschten in die Hände, schrien laut auf, und Kanut schrie Hurrah!

Selbst der König lächelte der Johanna zu, als wenn er seine Freude an ihr habe. Gott, wie fühlte Kanut sich so klein, aber er liebte sie recht innig, und sie habe ja auch ihn lieb, – allein der Mann muß das erste Wort sagen, so dachte ja auch die Pfefferkuchen-Jungfrau: – in dieser Geschichte lag sehr Vieles.

Sobald der Sonntag kam, ging er wieder hin; er war in einer Stimmung als sollte er das heilige Abendmahl genießen; Johanna war allein und empfing ihn, das konnte nicht glücklicher treffen.

»Es ist gut, daß Du kommst!« sagte sie, »ich dachte schon daran, meinen Vater zu Dir zu senden, allein ich hatte eine Ahnung von Deinem Kommen heute Abend: – denn ich muß Dir sagen, daß ich auf den Freitag nach Frankreich reise; ich muß es, damit ich es zu etwas bringe!«

Aber Kanut schien es, als drehe sich die Stube um und um: ihm war zu Mute, als wollte das Herz ihm zerspringen; zwar trat keine Träne in seine Augen, aber es war deutlich zu sehen, wie betrübt er wurde. »Du ehrliche, treue Seele!« sprach sie, – und damit war nun die Zunge Kanut's gelöst, und er sagte ihr, wie innig lieb er sie habe und daß sie sein Frauchen werden müsse. In dem er dies sagte, sah er Johanna die Farbe wechseln und erblassen; sie ließ seine Hand fallen und erwiderte ernst und betrübt: »Mache nicht Dich selbst und mich unglücklich, Kanut! Ich werde Dir stets eine gute Schwester sein, auf die Du bauen kannst – aber auch nicht mehr!« und sie strich mit ihrer weichen Hand über seine heiße Stirn. »Gott gibt uns zu Vielem die Kraft, wenn wir nur selbst wollen!«

Da trat in demselben Augenblicke ihre Stiefmutter ins Zimmer.

»Kanut ist ganz außer sich, weil ich reise!« sagte Johanna. »Sei doch ein Mann!« und dabei legte sie ihre Hand auf seine Schulter; es war, als hatten sie nur von der Reise und sonst von nichts Anderem gesprochen. »Du bist ein Kind!« fuhr sie fort, »aber jetzt mußt Du gut und vernünftig sein, wie unter dem Weidenbaume, als wir noch Kinder waren!«

Aber Kanut war es, als sei die Welt aus ihren Fugen gegangen, sein Gedanke war wie ein loser Faden, der im Winde hin- und her flattert. Er blieb, er wußte nicht, ob sie ihn zu bleiben gebeten; aber sie waren freundlich und gut, und Johanna schenkte ihm den Tee ein und sang; es war nicht der alte Klang, und doch so unendlich schön, es war zum Herzzerspringen; darauf trennten sie sich. Kanut reichte ihr nicht die Hand, aber sie ergriff die seinige und sagte: »Du gibst doch Deiner Schwester die Hand zum Abschiede, mein alter Jugendgespiel!« sie lächelte durch Tränen, die ihr über die Wangen flossen, und sie wiederholte das Wort » Bruder«. Ja, das war ein schöner Trost! – So war der Abschied.

Sie segelte nach Frankreich, Kanut ging auf den schmutzigen Straßen Kopenhagens umher. – Die andern Gesellen in der Werkstätte fragten ihn, weshalb er so grübelnd umhergehe, er solle mit ihnen zusammen ein Vergnügen machen, er sei ja ein junges Blut.

Sie gingen miteinander auf den Tanzboden; dort waren viele schöne Mädchen, aber freilich keins wie Johanna, und hier, wo er gedacht, sie zu vergessen, hier gerade stand sie am lebhaftesten vor seinen Gedanken; »Gott gibt uns zu Vielem Kraft, wenn wir nur selbst wollen!« hatte sie gesagt, und eine Andacht kehrte in seinen Sinn ein; er faltete die Hände; die Violinen spielten auf und die Mädchen tanzten im Kreise umher; er erschrak förmlich, es schien ihm, als sei er an einem Orte, wohin er Johanna nicht hätte führen sollen, denn sie war doch mit ihm in seinem Herzen da; deshalb ging er hinaus, lief auf die Straßen und ging an dem Hause vorüber, wo sie gewohnt hatte; dort war es finster, überall war es finster, leer und einsam; die Welt ging ihren Weg und Kanut den seinigen.

Es wurde Winter und die Gewässer froren zu, es war, als wenn alles sich auf ein Begräbniß einrichte.

Als aber der Frühling wiederkehrte und das erste Dampfschiff ging, da ergriff ihn eine Sehnsucht, weit, weit in die Welt zu wandern, aber nicht nach Frankreich.

Er schnürte sein Ränzel und wanderte weit, weit ins deutsche Land hinein, von Stadt zu Stadt, ohne Rast und Ruhe; erst als er die alte prächtige Stadt Nürnberg betrat, war es, als würde er wieder Herr seiner Füße; er gewann es über sich, dort zu bleiben.

Nürnberg ist eine wunderliche, alte Stadt, wie aus einer Bilderchronik herausgeschnitten. Die Straßen liegen, wie sie eben selbst wollen; die Häuser lieben es nicht, in Reih' und Glied zu stehen; Erker mit kleinen Türmen, Schnörkeln und Bildsäulen springen hervor und über den Bürgersteig hinaus, und hoch von den Dächern laufen Dachrinnen bis über die Mitte der Straße hinaus, geformt wie Drachen und langbeinige Hunde.

Auf dem Marktplatze hier stand Kanut mit dem Ranzenl auf dem Rücken; er stand an einem der alten Springbrunnen mit den herrlichen biblischen und historischen Figuren, die zwischen den springenden Wasserstrahlen stehen. Ein schönes Dienstmädchen schöpfte eben Wasser, es gab Kanut einen Labetrunk; und da es die Hand voll Rosen hatte, gab es ihm auch eine Rose, und das schien ihm ein guter Vorbote zu sein.

Von der nahen Kirche brausten Orgeltöne ihm entgegen, sie klangen ihm so heimathlich, als kämen sie aus der Kirche zu Kjöge, und er trat in den großen Dom; die Sonne schien durch die gemalten Scheiben hinein zwischen die hohen, schlanken Säulen; Andacht erfüllte seine Gedanken, und stiller Friede kehrte in seinen Sinn ein.

Er suchte und fand einen guten Meister in Nürnberg, bei diesem blieb er und erlernte die deutsche Sprache.

Die alten Gräber um die Stadt herum sind in kleine Gemüsegärten umgewandelt, aber die hohen Mauern stehen noch da mit ihren schweren Türmen. Der Seiler dreht sein Seil aus dem von Balken erbauten Gange längs der Innenseite der Stadtmauer, und hier, ringsumher aus Ritzen und Spalten wächst der Flieder; er streckt seine Zweige über die kleinen niedrigen Häuser, die unten liegen, und in einem dieser wohnte der Meister, bei dem Kanut arbeitete; über das kleine Dachfenster, an welchem Kanut saß, senkte der Fliederbaum seine Zweige.

Hier wohnte er einen Sommer und einen Winter; aber als der Frühling kam, war's nicht mehr auszuhalten; der Flieder blühte und duftete so heimathlich, daß es ihm war, als sei er wieder in den Gärten von Kjöge, – als dann zog Kanut von seinem Meister weg zu einem andern, weiter in die Stadt hinein, wo kein Flieder wuchs.

Seine Werkstätte war in der Nähe einer alten gemauerten Brücke, über einer immer brausenden, niedrigen Wassermühle; draußen floß nur der reißende Strom, eingezwängt von Häusern, die alle mit alten morschen Erkern gleichsam behangen waren; es sah aus, als wollten sie diese alle ins Wasser hinabschütteln. Hier wuchs kein Flieder, hier stand nicht einmal ein Blumentopf mit wenigem Grün, aber gerade der Werkstätte gegenüber wurzelte ein großer alter Weidenbaum, der sich gleichsam an dem Hause festhielt, um nicht vom Strome hinweg gerissen zu werden; er streckte seine Zweige über den Fluß hinaus, wie der Weidenbaum im Garten bei Kjöge über den Bach.

Ja, er war freilich von Fliedermutter zum Weidenvater gezogen; der Baum hier, namentlich an Mondscheinabenden, hatte etwas, das ihm zu Herzen ging, aber es war durchaus nicht der Mondschein, sondern der alte Baum selbst.

Dessen ungeachtet litt es ihn doch nicht. Weshalb? Frage den Weidenbaum, frage den blühenden Flieder! – und deshalb sagte er dem Meister von Nürnberg Lebewohl und zog weiter.

Zu Niemanden sprach er von Johanna, in seinem Innern verbarg er seinen Kummer – und eine tiefe Bedeutung legte er der Geschichte von den beiden Pfefferkuchen bei; jetzt begriff er, weshalb die Mannsperson dort eine bittere Mandel links hatte, er selbst hatte einen bitteren Geschmack davon; und Johanna, die stets so mild und freundlich war, sie war lauter Honigkuchen. Es war, als preßte der Riemen seines Ränzels dermaßen, daß er kaum zu atmen vermochte; er löste ihn, allein es half nichts; nur die halbe Welt erblickte er um sich, die andere Hälfte trug er in sich, in seinem Innern, so stand es mit ihm!

Erst als er die hohen Berge erblickte, ward die Welt ihm freier, seine Gedanken wandten sich nach außen; Tränen traten in seine Augen.

Die Alpen schienen ihm die zusammen gefalteten Flügel der Erde zu sein; – wie, wenn sich diese entfaltete? die großen Schwingen mit ihren bunten Bildern von schwarzen Wäldern, brausenden Gewässern, Wolken und Schneemassen ausbreitete? Am jüngsten Tage erhebt die Erde die großen Flügel, steigt gen Himmel und zerplatzt wie eine Seifenblase in dem Strahlenglanze Gottes. »O, wäre es nur der jüngste Tag!« seufzte er.

Still wanderte er durch das Land, das ihm wie ein rasenbedeckter Fruchtgarten erschien; von den hölzernen Altanen der Häuser nickten ihm klöppelnde Mädchen zu, die Bergesgipfel glühten in der roten Abendsonne, und als er die grünen Seen zwischen den dunklen Bäumen sah – dachte er an die Küste bei dem Kjögemeerbusen, und wohl die Wehmut, aber nicht der Schmerz wohnte in seiner Brust.

Dort, wo der Rhein wie eine lange Woge dahinrollt, zerstäubt, und in schneeweiße, klare Wolkenmassen verwandelt wird, als ginge hier die Schöpfung der Wolken vor sich – der Regenbogen flattert wie ein loses Band darüber hin, – dort dachte er an die Wassermühle bei Kjöge, wo die Gewässer brausen und schäumen.

Gern wäre er hier in der stillen Rheinstadt geblieben, allein es waren hier gar zu viele Flieder- und Weidenbäume – deshalb zog er weiter, über die hohen, mächtigen Gebirge, durch zersprengte Felswände und auf Wegen, die Schwalbennestern gleich an der Bergwand hingen. Die Gewässer brausten in der Tiefe, die Wolken lagen unter ihm; über Disteln Alpenrosen und Schnee schritt er in der warmen Sommersonne dahin, – und sagte den Landen des Nordens Lebewohl und trat unter blühende Kastanienbäume, schritt durch Weingärten und Maisfelder; die Berge waren eine Mauer zwischen ihm und allen seinen Erinnerungen, und so mußte es sein.

Vor ihm lag eine große, prächtige Stadt, sie nannten sie Milano, und hier fand er einen deutschen Meister, der ihn in Arbeit nahm; es war ein altes, frommes Ehepaar, in dessen Werkstätte er arbeitete. Die beiden Alten gewannen den stillen Gesellen lieb, der wenig sprach, aber desto mehr arbeitete und fromm und christlich lebte. Ihm schien es auch, als habe Gott die schwere Last von seinem Herzen genommen.

Seine schönste Lust war, dann und wann auf die mächtige Marmorkirche zu steigen, die schien ihm wie von der Heimat Schnee geschaffen und zu Bildern, spitzen Türmen, bunt geschmückten offenen Hallen geformt zu sein; von jedem Winkel, jeder Spitze, jedem Bogen herab lächelten ihn die weißen Bildsäulen an. Über sich hatte er den blauen Himmel, unter sich die Stadt und die weit gedehnte, grüne lombardische Ebene, und gen Norden die hohen Berge mit dem ewigen Schnee, – dabei dachte er an die Kjögekirche mit ihren roten, von Efeu umrankten Mauern, aber er sehnte sich nicht fort; hier, hinter den Bergen, wollte er begraben sein.

Ein Jahr hatte er hier gelebt, es waren drei Jahre verflossen, seitdem er die Heimat verlassen; da führte sein Meister ihn eines Tages in die Stadt, nicht nach der Arena zu den Kunstreitern, nein, in die große Oper, – und dort war auch ein Saal, der des Beschauens wert war. In sieben Etagen hingen die schönsten seidenen Vorhänge her nieder, und vom Fußboden an, schwindelnd hoch bis zur Decke hinauf saßen die feinsten Damen mit Blumenbouquets in den Händen, als wenn sie auf den Ball gehen wollten, und die Herren waren in vollem Staat und viele von ihnen mit Gold und Silber geschmückt; es war dort so hell wie in dem klarsten Sonnenscheine, und die Musik brauste herrlich, es war viel prächtiger als die Komödie in Kopenhagen, aber dort war Johanna ... Hier war sie auch – ja, es war wie ein Zauber ... der Vorhang ging auf, und auch hier stand Johanna in Gold und Seide, mit der goldenen Krone auf dem Haupte; sie sang, wie nur ein Engel Gottes zu singen vermag, sie trat so weit hervor, wie sie nur konnte; sie lächelte, wie nur Johanna zu lächeln vermochte; sie blickte gerade auf Kanut herab. Der arme Kanut ergriff die Hand des Meisters, indem er laut »Johanna!« rief; doch kein Anderer hörte es, die Musik übertönte Alles, nur der Meister nickte mit dem Kopfe dazu. »Ja wohl, sie heißt Johanna!« – und dabei zog er ein gedrucktes Blatt hervor und zeigte Kanut ihren Namen, – der volle Name stand da zu lesen.

Nein, das war kein Traum! Alle Menschen jubelten und warfen ihr Blumen und Kränze zu, und jedes Mal, wenn sie abging, riefen sie sie auf's Neue; sie ging und kam immer wieder.

Auf der Straße scharten die Menschen sich um ihren Wagen und zogen denselben davon. Kanut war in der vordersten Reihe und jubelte am fröhlichsten auf; und als der Wagen vor ihrem prächtig erleuchteten Hause Halt machte, stand Kanut an der Wagentür, dieselbe sprang auf, sie trat heraus, die Lichtstrahlen fielen auf ihr liebes Antlitz und sie lächelte und bedankte sich freundlich mild, und war tief gerührt; Kanut blickte ihr gerade in's Gesicht, auch sie blickte ihm in's Gesicht, – aber sie kannte ihn nicht. Ein Mann, auf dessen Brust ein Stern strahlte, reichte ihr den Arm – die Beiden seien verlobt, sagte man.

Darauf ging Kanut nach Hause und schnürte sein Ränzel; er wollte, er mußte nach der Heimat zurück, zum Flieder-, zum Weidenbaum – ach, unter den Weidenbaum! In einer Stunde kann man ein ganzes Menschenleben durchlaufen.

Das alte Ehepaar bat ihn, zu bleiben; – Worte vermochten nicht, ihn zurückzuhalten, vergeblich machte man ihn auf den Winter aufmerksam, sagte ihm, daß der Schnee schon in den Bergen gefallen sei; – in der Spur des langsam fahrenden Wagens, dem man doch den Weg bahnen müsse, meinte er, mit dem Ränzel auf seinem Rücken, gestützt auf seinen Stab, dahin schreiten zu können.

Er schritt auf die Berge zu, schritt sie hinab, hinab; entkräftet erblickte er noch kein Städtchen, kein Haus; er schritt gegen Norden. Die Sterne blinkten über ihm, es schwankten ihm die Füße, es schwindelte ihm der Kopf; tief im Tale blinkten gleichfalls Sterne, es war, als sei der Himmel auch unter ihm; er fühlte sich krank; die Sterne dort unten vermehrten sich fortwährend und strahlten immer heller, sie bewegten sich hin und her. Es war ein kleines Städtchen, in dem die Lichter flimmerten, und als er das begriffen, strengte er seine letzten Kräfte an und erreichte dort eine ärmliche Herberge.

Die Nacht und auch den ganzen folgenden Tag blieb er dort, denn sein Körper bedurfte der Ruhe und Pflege; es war Tauwetter; es regnete im Tale. Aber am andern frühen Morgen trat dort ein Leiermann ein, er spielte eine Melodie aus der Heimat, und nun vermochte Kanut nicht länger hier zu weilen; er zog weiter gegen Norden, er ging Tage, viele Tage lang mit einer Hast, als gelte es in die Heimat zu gelangen, bevor Alle dort gestorben seien; aber zu Niemandem sprach er von seiner Sehnsucht, Niemand hatte an seines Herzens Kummer, den tiefsten, den man haben kann, geglaubt; ein solcher ist nicht für die Welt, er ist nicht unterhaltend, nicht einmal für die Freunde. Fremd wanderte er durch die fremden Länder nach Hause gegen Norden!

Es war Abend; er ging auf der offenen Landstraße, der Frost begann, sich geltend zu machen, das Land selbst wurde immer ebener, mehr Feld und Wiese; an der Straße stand ein großer Weidenbaum; Alles sah ganz heimatlich aus, er setzte sich unter den Baum, er fühlte sich sehr ermüdet; sein Kopf neigte sich, seine Augen schlossen sich zur Ruhe, aber er empfand doch, wie der Weidenbaum seine Zweige über ihn ausstreckte, herabsenkte; der Baum schien ihm ein alter, mächtiger Mann zu sein. – Es war der Weidenvater selbst, der ihn auf seine Arme hob und ihn, den müden Sohn, zurück in das Heimatland, an den offenen, bleichen Strand, nach Kjöge, in den Garten seiner Kindheit trug. Ja, es war der Weidenbaum selbst von Kjöge, der in die Welt gewandert war, um ihn zu suchen; und jetzt hatte er ihn gefunden und war in den kleinen Garten am Bache zurückgeführt, und hier stand Johanna in ihrer Pracht mit der goldenen Krone auf dem Haupte, wie er sie zuletzt gesehen, und rief ihm ein »Willkommen!« zu.

Vor ihm standen zwei sonderbare Gestalten, wenn sie auch viel menschlicher als in seiner Kindheit aussahen; auch sie hatten sich verändert; es waren die zwei Pfefferkuchen, der Mann und das Frauenzimmer, sie wendeten ihm die rechte Seite zu und sahen gut aus.

»Wir danken Dir!« sagten sie zu Kanut; »Du hast uns die Zungen gelöst, daß man frei seine Gedanken aussprechen soll, sonst käme Nichts dabei heraus, und jetzt ist Etwas dabei heraus gekommen: – wir sind verlobt!«

Darauf gingen sie Hand in Hand durch die Straßen Kjöge's und sahen auch sehr anständig auf der Kehrseite aus, da war Nichts an ihnen auszusetzen. Sie schritten gerade auf die Kirche zu, und Kanut und Johanna folgten; auch sie gingen Hand in Hand, und die Kirche stand da wie immer mit ihren roten Mauern, umrankt von dem grünen Efeu, und die große Tür der Kirche flog nach beiden Seiten auf, die Orgel brauste und sie schritten den breiten Hauptgang der Kirche entlang: »Die Herrschaften zuerst!« sagten die Pfefferkuchenbrautleute und machten Kanut und Johanna Platz, und diese knieten am Altare nieder; sie beugte ihr Haupt über sein Antlitz und eiskalte Tränen entfielen ihren Augen, es war das Eis, das um ihr Herz schmolz – durch seine starke Liebe; die Tränen fielen auf seine brennenden Wangen, und – er erwachte dabei, und saß unter dem alten Weidenbaume im fremden Lande, in dem winterkalten Abende; aus den Wolken fiel eisiger Hagel herab und peitschte sein Gesicht.

»Das war die schönste Stunde meines Lebens!« – sagte er, »und sie war – ein Traum! – Gott, laß mich nochmals träumen!« – Er schloß die Augen auf's Neue, er schlief, er träumte.

Gegen Morgen fiel Schnee. Er jagte vor dem Winde über ihn hin, er schlief. Dorfleute gingen zur Kirche, – an der Landstraße saß ein Handwerksbursch; er war tot, erfroren – unter dem Weidenbaume!

Hans Christian Andersen

Ein sehr schönes Gedicht über Hoffnung

Ein sehr schönes Gedicht über Hoffnung

Kommt's manchmal anders, als du denkst,
Du darfst doch nicht die Hoffnung lassen;
Mit jedem neuen Morgenrot
Gilt es, von Neuem Mut zu fassen.

Es muss ja auch der kräftige Baum
Wohl manches Dutzend Blüthen wagen,
Eh' ihm das karge Loos vergönnt,
Nur eine reife Frucht zu tragen.

Quelle: Fliegende Blätter, humoristische deutsche Wochenschrift, 1845-1944

Glück oder Unglück? Eine kurze Geschichte: der Bauer und das Pferd

Ist es Glück oder Unglück? Diese bekannte Geschichte gibt mir ein bisschen Kraft und Mut

In einem Dorf in China, nicht ganz klein, aber auch nicht gross, lebte ein Bauer – nicht arm, aber auch nicht reich, nicht sehr alt, aber auch nicht mehr jung, der hatte ein Pferd. Und weil er der einzige Bauer im Dorf war, der ein Pferd hatte, sagten die Leute im Dorf: „Oh, so ein schönes Pferd, hat der ein Glück!“

Und der Bauer antwortete: „Wer weiß?!“

Eines Tages, eines ganz normalen Tages, keiner weiss weshalb, brach das Pferd des Bauern aus seiner Koppel aus und lief weg. Der Bauer sah es noch davongaloppieren, aber er konnte es nicht mehr einfangen. Am Abend standen die Leute des Dorfes am Zaun der leeren Koppel, manche grinsten ein bisschen schadenfreudig, und sagten: „Oh der arme Bauer, jetzt ist sein einziges Pferd weggelaufen. Jetzt hat er kein Pferd mehr, der Arme!“

Der Bauer hörte das wohl und murmelte nur: „Wer weiß?!“

Ein paar Tage später, sah man morgens auf der Koppel des Bauern das schöne Pferd, wie es mit einer wilden Stute im Spiel hin und herjagte: sie war ihm aus den Bergen gefolgt. Gross war der Neid der Nachbarn, die sagten: „Oh, was hat der doch für ein Glück, der Bauer!“

Aber der Bauer sagte nur: „Wer weiß?!“

Eines schönen Tages im Sommer dann stieg der einzige Sohn des Bauer auf das Pferd, um es zu reiten. Schnell war er nicht mehr alleine, das halbe Dorf schaute zu, wie er stolz auf dem schönen Pferd ritt. „Aah, wie hat der es gut!“

Aber plötzlich schreckte das Pferd, bäumte sich auf und der Sohn, der einzige Sohn des Bauern fiel hinunter und brach sich das Bein, in viele kleine Stücke, bis zur Hüfte. Und die Nachbarn schrien auf und sagten: „Oh, der arme Bauer, sein einziger Sohn! Ob er jemals wieder wird richtig gehen können? So ein Pech!“

Aber der Bauer sagte nur: „Wer weiß?!“

Einige Zeit später schreckte das ganze Dorf aus dem Schlaf, als gegen Morgen ein wildes Getrappel durch die Strassen lief. Die Soldaten des Herrschers kamen in das Dorf geritten und holten alle Jungen und Männer aus dem Bett, um sie mitzunehmen in den Krieg. Der Sohn des Bauern konnte nicht mitgehen. Und so mancher saß daheim und sagte: „Was hat der für ein Glück!“

Aber der Bauer murmelte nur: „Wer weiß?!“

aus China

Der böse Fürst - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Der böse Fürst - ein Märchen von Hans Christian Andersen

Es war einmal ein böser Fürst; all sein Dichten und Trachten ging darauf aus, alle Längen der Welt zu erobern und allen Menschen Furcht einzuflößen; mit Feuer und Schwert zog er umher, und seine Soldaten zertraten die Saat auf den Feldern und zündeten des Bauern Haus an, so daß die rote Flamme die Blätter von den Bäumen leckte und das Obst gebraten an den versengten, schwarzen Bäumen hing.

Mit dem nackten Säugling im Arm flüchtete manche Mutter sich hinter die noch rauchenden Mauern ihres abgebrannten Hauses, aber hier suchten die Soldaten sie auch, und fanden sie die Armen, so war dies neue Nahrung für ihre teuflische Freude: böse Geister hätten nicht ärger verfahren können als diese Soldaten; der Fürst aber meinte, gerade so sei es recht, so sollte es zugehen. Täglich wuchs seine Macht, sein Name wurde von allen gefürchtet, und das Glück schritt neben ihm her bei allen seinen Taten.

Aus den eroberten Städten führte er große Schätze heim; in seiner Residenzstadt wurde ein Reichtum aufgehäuft, der an keinem anderen Orte seinesgleichen hatte. Und er ließ prächtige Schlösser, Kirchen und Hallen bauen, und jeder , der diese herrlichen Bauten und großen Schätze sah, rief ehrfurchtsvoll: "Welch großer Fürst!" Sie gedachten aber nicht des Elends, das er über andere Länder und Städte gebracht hatte; sie vernahmen nicht all die Seufzer und all den Jammer, der aus den eingeäscherten Städten empor drang.

Der Fürst betrachtete sein Gold und seine prächtigen Bauten und dachte dabei wie die Menge: "Welch großer Fürst! Aber ich muß mehr haben, viel mehr! Keine Macht darf der meinen gleichkommen, geschweige denn größer als die meine sein!" Und er bekriegte alle seine Nachbarn und besiegte sie alle. Die besiegten Könige ließ er mit goldenen Ketten an seinen Wagen fesseln, und so fuhr er durch die Straßen seiner Residenz; tafelte er, so mußten jene Könige ihm und seinen Hofleuten zu Füßen liegen und sich von den Brocken sättigen, die ihnen von der Tafel zugeworfen wurden.

Endlich ließ der Fürst seine eigene Bildsäule auf den öffentlichen Plätzen und in den königlichen Schlössern errichten, ja, er wollte sie sogar in den Kirchen vor dem Altar des Herrn aufstellen; allein hier traten die Priester ihm entgegen und sagten: "Fürst, du bist groß, aber Gott ist größer, wir wagen es nicht, deinem Befehl nachzukommen."

"Wohlan denn!" rief der Fürst, "ich werde auch Gott besiegen!" Und in Übermut und törichtem Frevel ließ er ein kostbares Schifflein bauen, mit welchem er die Lüfte durchsegeln konnte; es war bunt und prahlerisch anzuschauen wie der Schweif eines Pfaus, und es war gleichsam mit Tausenden von Augen besetzt und übersäht, aber jedes Auge war ein Büchsenlauf. Der Fürst saß in der Mitte des Schiffes, er brauchte nur auf eine dort angebrachte Feder zu drücken, und tausend Kugeln flogen nach allen Richtungen hinaus, während die Feuerschlünde sogleich wieder geladen waren. Hunderte von Adlern wurden vor das Schiff gespannt, und pfeilschnell ging es nun der Sonne entgegen.

Wie lag da die Erde tief unten! Mit ihren Bergen und Wäldern schien sie nur ein Ackerfeld zu sein, in das der Pflug seine Furchen gezogen hatte, an dem entlang der grüne Rain hervorblickte, bald glich sie nur noch einer flachen Landkarte mit undeutlichen Strichen, und endlich lag sie ganz in Nebel und Wolken gehüllt. Immer höher flogen die Adler aufwärts in die Lüfte – da sandte Gott einen einzigen seiner unzähligen Engel aus; der böse Fürst schleuderte Tausende von Kugeln gegen ihn, allein die Kugeln prallten ab von den glänzenden Fittichen des Engels, fielen herab wie gewöhnliche Hagelkörner; doch ein Blutstropfen, nur ein einziger, tröpfelte von einer der weißen Flügelfedern herab, und dieser Tropfen fiel auf das Schiff, in welchem der Fürst saß, er brannte sich in das Schiff ein, er lastete gleich tausend Zentner Blei darauf und riß das Schiff in stürzender Fahrt zur Erde nieder; die starken Schwingen der Adler zerbrachen, der Wind umsauste des Fürsten Haupt, und die Wolken ringsum – die waren ja aus dem Flammenrauch der abgebrannten Städte gebildet – formten sich zu drohenden Gestalten, zu meilenlangen Seekrabben, die ihre Klauen und Scheren nach ihm ausstreckten, sie türmten sich zu ungeheuerlichen Felsen mit herabrollenden, zerschmetternden Blöcken, zu feuerspeienden Drachen; halbtot lag der Fürst im Schiff ausgestreckt, und dieses blieb endlich mit einem fruchtbaren Stoß in den dicken Baumzweigen eines Waldes hängen.

"Ich will Gott besiegen!" sagte der Fürst, "ich habe es geschworen, mein Wille muß geschehen!" Und sieben Jahre lang ließ er bauen und arbeiten an künstlichen Schiffen zum Durchsegeln der Luft, ließ Blitzstrahlen aus härtestem Stahl schneiden, denn er wollte des Himmels Befestigung sprengen. Aus allen Landen sammelte er Kriegsheere, die, als sie Mann an Mann aufgestellt waren, einen Raum von mehreren Meilen bedeckten. Die Heere gingen an Bord der künstlichen Schiffe, der Fürst näherte sich dem seinen: da sandte Gott einen einzigen kleinen Mückenschwarm aus.

Der umschwirrte den Fürsten und zerstach sein Antlitz und seine Hände; zornentbrannt zog er sein Schwert und schlug um sich, allein er schlug nur in die leere Luft, die Mücken traf er nicht. Da befahl er, kostbare Teppiche zu bringen und ihn in dieselben einzuhüllen, damit ihn keine Mücke fernerhin steche; und die Diener taten wie befohlen. Allein, eine einzige Mücke hatte sich an die innere Seite des Teppichs gesetzt, von hier aus kroch sie in das Ohr des Fürsten und stach ihn; es brannte wie Feuer, das Gift drang hinein in sein Gehirn; wie wahnsinnig riß er die Teppiche von seinem Körper und schleuderte sie weit weg, zerriß seine Kleidung und tanzte nackend herum vor den Augen seiner rohen, wilden Soldaten, die nun den tollen Fürsten verspotteten, der Gott bekriegen wollte und von einer einzigen kleinen Mücke besiegt worden war.

Hans Christian Andersen

Ein wunderschönes Gedicht von Goethe über Frühling

Ein wunderschönes Gedicht von Goethe über Frühling

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!

Johann Wolfgang von Goethe